Männerzeitung #37 vom 01.03.2010

Mann, Geld, Familie und Rolle

von Ivo Knill

Der Mann von heute lebt im Zeitalter der Emanzipation die Rolle seines Vaters.

Wer ist denn der moderne Mann? Ich liege bäuchlings auf dem Massagetisch, der Kopf steckt in einer Art Atemtrichter und mein holländischer Therapeut bearbeitet meinen Schultergürtel. Er ist der Sportler von uns beiden und schlägt gleich ein paar Namen vor: Beckham zum Beispiel, der sei doch modern, aber vielleicht etwas zu sehr tätowiert. Rinaldo etwa? Wobei, der sei etwas weich. Und Tiger Woods, der Golfer, der hätte es eigentlich in der Hand gehabt, ganz gross zu sein, aber dann habe er eben das Falsche in die Hand genommen, das hat ihn zu Fall gebracht. Ich schlage durch meinen Atemschlitz Bruce Willis vor. Im Film «Stirb langsam 4» verkörpert er einen Cop, dem die Frau abgehauen ist, samt der Tochter, die ihn deswegen hasst. Nun soll er wieder einmal die Welt retten. Er hat keinen Plan und es gibt keinen Grund, weshalb er es schon wieder tut, aber in letzter Minute befreit er die Welt aus dem Würgegriff eines Hackers und gewinnt sogar noch seine Tochter zurück. Da bringt Bastian nach einem Handwechsel auf das andere Schulterblatt Roger Federer ins Spiel. Er ist erfolgreich, professionell, cool und doch menschlich. Er spielt auf Sieg, aber er spielt fair. Er ist Vater und stolz darauf. In Interviews bezeichnete er den Tag der Geburt seiner Zwillinge als grössten Tag im Leben. Federer steht auch für das Schweizer Vereinbarkeitsmodell: Ein Ass im Job, ein Star am Wickeltisch.

Väter sind Ernährer von Beruf

Das Spektrum männlicher Lebensentwürfe ist breit. Es reicht vom brotlosen Künstler bis zum Stararchitekten, vom Dachdecker bis zum Verwaltungsrat. Das Leben als Mann ist heute für viele ein kreatives Spiel mit Rollen. Staubsauger, Wickeltisch, Laptop und Yogakurs, Bohrmaschine und Beinrasur: Das hat alles in einem Männerleben Platz. Man muss nicht Softie sein, um seine Kinder zu mögen, man muss kein Einfamilienhaus vorweisen, um ein ganzer Kerl zu sein: Es lebe der neue Mann!

Vor der Statistik und dem Arbeitgeber aber werden fast alle Männer gleich: 95 % von ihnen arbeiten Vollzeit. Der teilzeitarbeitende Mann ist noch immer die absolute Ausnahme – besonders wenn er Vater ist. Obwohl Studien belegen, dass bis zu 500 000 Väter in der Schweiz Teilzeit arbeiten möchten, tut es nur der kleine Prozentsatz von 5 %. Das heisst: In der ganzen Schweiz gibt es heute zwischen 10 000 und 20 000 Familien, in denen beide Eltern Teilzeit arbeiten. Das sind drei bis fünf Prozent aller Väter. Der Teilzeit arbeitende Vater mag ein gesellschaftliches Wunschmodell sein, aber in Wahrheit ist er rar. Ich habe für die Nummer «Männer sind Freier» grob zu überschlagen versucht, wie viele Prostituierte es in der Schweiz gibt: Ich kam auf über 20 000. Daraus folgt: Der Teilzeit arbeitende Vater ist seltener als die Sexworkerin – aber ebenfalls sehr präsent in den Medien.

Der normale moderne Mann lebt im Zeitalter der Emanzipation, aber er profitiert nicht davon, zumindest nicht, was sein Rollenspektrum angeht. Die Frauen haben Eingang in die Berufswelt gefunden, sie sind zu dritt im Bundesrat vertreten und sie setzen zum Sturm in die Verwaltungsräte an. Die wenigsten Männer haben Mühe damit. Das Büro, die Baustelle, die Politik gewinnen an Leben, wenn Frauen dazu kommen – keine Frage. Und doch: Einen handfesten «Rollenflexibilitätsprofit» zieht der Mann daraus im Normalfall nicht. Es wäre ja zu erwarten gewesen, dass die zunehmende Erwerbstätigkeit der Frauen den Männern etwas Luft und die Möglichkeit zur Arbeitszeitreduktion gäbe. Das ist nicht eingetreten.

Papa ist Doppelass

Studien in Deutschland belegen zweierlei: Die grosse Mehrheit der Männer sieht Gleichberechtigung als selbstverständlich an. In der Studie «Rolle vorwärts – Rolle zurück» (vgl. Seite 17) gibt es eigentlich nur eine Gruppe von Männern, die auf der Dominanz über die Frau bestehen, die Gruppe der so genannten «Lifestyle-Machos»: Es sind, sehr salopp gesagt, Banker, Gangster, Rapper und Sozialfälle: Männer am untersten und obersten Rand der Gesellschaft, die sich noch als Machos durch die Welt schlagen. Sie machen etwa 14 % aus, sind aber als Leitgruppen sehr präsent in der öffentlichen Wahrnehmung. Auch junge Männer neigen, vielleicht verunsichert, zur Flucht in alte Rollenmodelle. Eine Umfrage in Deutschland kam kürzlich zum Resultat, dass 95 % aller Männer sich in einer Familie sehen, in der sie die Haupternährer sind: Claudia Zerle vom Deutschen Jugendinstitut DJI hat 1800 kinderlose junge Männer gefragt, wie sie sich ihre spätere Rolle als Vater vorstellen. Demnach wollen 96,1 Prozent «der Familie ein Heim bieten» und 94,9 Prozent «den Lebensunterhalt für die Familie verdienen». Das Ernährermodell ist also hoch im Kurs. Aber der Wunsch nach aktivem Engagement in der Familie kommt dazu: 96,8 Prozent der Befragten gaben an, sie wollten «sich Zeit nehmen für das Kind» und 81,4 Prozent standen ganz konkret dazu, «das Kind zu betreuen und zu beaufsichtigen» (sueddeutsche.de, 7.11.2009) Das ist das Modell Federer: Ernährer und engagierter Vater.

Der ewige Ernährer

Statistisch lebt der Vater von heute genau gleich wie schon sein Vater. Er arbeitet Vollzeit und trägt den Hauptteil zum Familienbudget bei.

Können Männer nicht abgeben? Wollen sie nicht auf Karriere verzichten? Begreifen sie einfach die Zeichen der Zeit nicht und bleiben in ihren alten Denkweisen verhaftet? Oder sind eigentlich die Frauen zu faul, um etwas mehr zu arbeiten? Wie viel arbeiten denn die Frauen?

Seit 1980 ist der Anteil der arbeitenden Mütter gestiegen. Rund die Hälfte aller Mütter arbeitet, in der Regel etwa einen bis zwei Tage pro Woche. Der Beitrag der Mütter zum Haushalteinkommen erreicht bei nur einem Drittel aller Familien mehr als 25 % des Budgets. Und gerade mal in 7 % aller Haushalte verdient die Mutter mehr als die Hälfte des Einkommens.

Von Faulheit zu sprechen, ist natürlich völlig unangebracht: Die Statistik belegt, dass Mütter und Väter mit kleinen Kindern ziemlich genau gleich viel arbeiten, nämlich insgesamt 70 Stunden pro Woche für häusliche und ausserhäusliche Arbeit. Die Schweizer Familie organisiert sich solidarisch, aber asymmetrisch.

Das durchschnittliche Budget einer Schweizer Familie liegt bei 10 000 Franken, davon sind 1000 Franken Zulagen, verdient werden 9000 Franken. (Und beim Steueramt landen 3000 im Minimum). Im Schnitt dürfte der Mann etwa 7000, die Frau etwa 2000 Franken zum Familienbudget beitragen. Mein freischaffender Kollege und Lampenbauer kommentierte meine Sorgen als Familienvater mit dem Satz: Aber ich komme doch locker mit 4000 Franken im Monat durch. Richtig – aber der Kollege ist auch nicht zu viert.

Es gäbe hier noch viel über Familien und ihre Budgets zu sagen. Unser Steuersystem und die Familienverbilligungen wirken sich etwa so aus, dass einer Familie mit einem Gesamteinkommen von 10 000 Franken nicht wirklich sehr viel mehr in der Kasse bleibt als einer Familie mit einem Einkommen von etwa 7000 Franken: Die Vergünstigungen fallen weg, die Steuern steigen markant. Ein Budget von 7000 oder 10 000 Franken ist in Teilzeitarbeit nur von den wenigsten Männern zu erwirtschaften – es sei denn, man ist ein Sportass.

Die nüchterne Regel ist, dass eine normale Schweizer Familie ein volles Einkommen des Mannes und ein Zusatzeinkommen der Frau braucht, um über die Runden zu kommen. Zu hoch darf das Zusatzeinkommen nicht sein, sonst wird es von Betreuungskosten und höheren Steuern wieder aufgefressen.

Die Implosion der Familie können wir uns
nicht länger leisten

Die Familie von heute ist für Väter und Mütter eine Belastungsprobe. Die bestehenden Anreize stützen eher das traditionelle als das moderne Rollenbild. Erwerbsarbeit und Familienarbeit sind in der Schweiz absolut schwer zu vereinbaren. Wir haben die höchsten Arbeitszeiten in Europa, die dürftigsten Angebote für Kinderbetreuung und eine beschämend mickrige Regelung für den Vaterschaftsurlaub. Es gibt noch ganze Branchen in der Schweiz, die den Vaterschaftsurlaub auf wenige Tage begrenzen: Im Gesamtarbeitsvertrag für das Gastgewerbe, das immerhin 200 000 Menschen beschäftigt, sind ab 2010 3 Tage Vaterschaftsurlaub vorgesehen. Die Kantonsangestellten in St. Gallen und Obwalden müssen sich mit einem einzigen bezahlten Tag Vaterschaftsurlaub begnügen. Wer drei Wochen bietet, gilt schon als fortschrittlich.

Wir haben eine Scheidungsquote von 50 %. Vier von fünf Scheidungen werden von Frauen eingereicht. Der Hauptgrund ist weder eheliche Gewalt noch väterliches Ungenügen – es ist die Entfremdung unter den Eltern. Aneinander gebunden wie noch nie in ihrem Leben als Paar, verlieren viele junge Eltern den Kontakt zueinander. Der emotionale Haushalt der Familie, in der die Mutter steckt, und das Arbeitsleben des Mannes gleiten auseinander. Niemand will Scheidungen verbieten. Aber wir sollten Möglichkeiten schaffen, dass Familien eine Perspektive haben. Wir müssen sogar. Scheidung ist nicht nur Privatsache, sie kostet einen Haufen Geld: Mehr als jedes fünfte Kind eines Einelternhaushaltes ist für kürzere oder längere Zeit auf Sozialhilfe angewiesen. Das kostet, bezahlen tun es die andern Haushalte.

Mit jeder Familie, die auseinander fällt, ohne sich selbständig ökonomisch neu zu organisieren, verliert der Staat Einnahmen und wächst der Druck auf die noch intakten Familien.

Ausblick: Der neue Mann braucht eine neue Politik

Bastian, mein Physiotherapeut, hat Nacken und Schultern weichgeknetet. Sportler brauchen Massage, erzählt er und nennt Namen von grossen Velofahrern, die zu wenig Muskellockerung hatten und darum auch schlechten Muskelaufbau. Auch der moderne Mann braucht neben hartem Training Dinge, die ihm gut tun. Wir haben in der Schweiz eine unerträgliche Situation. Wir bilden vom Kindergarten bis zur Uni Männer und Frauen aus, damit sie höchsten professionellen Ansprüchen genügen. Der Druck auf Frauen, nicht «nur» Hausfrauen zu sein, sondern auch im Beruf fit zu bleiben, ist gross, schon aus ökonomischen Gründen: Der Staat braucht Steuer- und AHV-Zahlerinnen, die Familie kann von einem Einkommen allein nicht leben. Die Männer wiederum sollen im Job alles und in der Familie noch mehr geben, weil wir keine vaterlosen Kinder wollen.

Deutschland kennt ein Jahr Elternurlaub, davon 2 Monate für Väter, nach dem Willen der neuen Familienministerin Kristina Köhler sollen es noch mehr werden: Sie verfolgt in der Familienpolitik den Modernisierungskurs, den Ursula von der Leyen einschlug, weiter. Die Vätermonate werden ausgeweitet, das Teilelterngeld ermöglicht eine bessere Teilzeitregelung auch für Väter. (TAZ, 24.01.2010)

Wir haben es geschafft, das arbeitsfreie Alter zu verlängern und ökonomisch zu erleichtern. Aber es ist uns bis jetzt nicht gelungen, die Lage der Familien zu verbessern. Wer den neuen Mann ernsthaft will, muss bereit sein, der Familie Zeit zu geben. Das kostet, aber das ist es wert.

Muss jetzt doch Bruce Willis vor? Holt uns Roger Federer aus diesem familienpolitischen Schlamassel? Müssen wir Politikern, die noch im Modell des Lifestyle-Machos hängen geblieben sind, auf die Sprünge helfen? Sicher ist, dass wir nicht mehr lange eine Familienpolitik verfolgen können, die der Zeit nicht mehr gemäss ist.

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