Männerzeitung #53 vom 01.03.2014

Milenko Lazic: Der Vollblutkünstler

von Samuel Steiner

Er malt, musiziert, schreibt, liest, formt, performt, spielt und näht. Er organisiert, vermittelt, stellt aus und fördert. Ihm geht es um Kunst, Migration, Familie und eine bosnische Stiftung.

Unser Treffen kurz vor Weihnachten klappt nur sehr zufällig: Punkt zwei Uhr klingle ich bei Milenko in der Nähe des Limmatplatzes in Zürich, wie abgemacht, denke ich. Niemand öffnet. Plötzlich kommt Milenko nach Hause und wundert sich, dass ich da bin. Er hat mich eineinhalb Stunden später bei seinem Atelier erwartet. Sein Handy hat er verloren; er wäre nicht erreichbar gewesen, wenn er nicht gerade im richtigen Moment nach Hause gekommen wäre. Wir freuen uns, dass wir uns trotz des Missverständnisses gefunden haben. Seine Wohnung sieht aus, wie ich mir die Wohnung eines Künstlers vorstelle: unaufgeräumt, voller Spielzeug seines zweieinhalb Jahre alten Sohnes, überall liegt Papier, Essen, Kunstwerk. Der türkische Kaffee ist gut und stark, der Künstler redet schnell und viel und braucht kaum Fragen. Während unseres Gespräches ruft seine Mutter aus Bosnien an; ich verstehe nichts vom Telefongespräch, das nicht lange dauert. Dann erzählt mir Milenko wieder von seinem Wirken als Künstler.

Im Moment ist er oft mit seinem Buch «Zürich-Syndrom» unterwegs, hält Lesungen und «Reading Performances», bei denen er zwar auch liest, aber auch mit Gitarre, Schlagzeug und Loop-Geräten passende Musik dazu macht. Das Buch ist Teil seiner Masterarbeit als Abschluss des Kunststudiums und ist im eigenen Amsel-Verlag erschienen. Die erste Auflage von 400 Stück ist bald ausverkauft. Es enthält viele kurze Geschichten über die Welt und vor allem das Leben in Zürich aus der Sicht eines Künstlers. Letzten Sommer organisierte Milenko zwei Ausstellungen in der Galerie 16b in Zürich: «Halb-Jugo» und «Voll-Jugo». Bei der ersten stellten vier schweizstämmige Künstlerinnen und Künstler und vier aus dem Balkan aus. Bei der zweiten waren es zwölf «Ex-Jugos», inklusive Milenko selbst. Im selben Sommer nahm er an der Ausstellung «It’s all in the detail» im Kunsthaus Baselland in Muttenz teil. Den ganzen Oktober machte der Künstler «frei», um den eigenen Sohn zu betreuen.

Kunst der osteuropäischen Erweiterung

Was genau macht Milenko Lazic aber, wie nennt man seine Kunst? Ich hänge an Definitionen und Einschränkungen, will einordnen, um wenigstens ansatzweise zu verstehen. Er aber erzählt lieber von Hintergründen, Entstehungsgeschichten, Ideen, Philosophien. Seine Kunst laufe im Rahmen der selbst ausgerufenen «osteuropäischen Erweiterung»; die Vernetzung innerhalb des Balkans und zwischen Südost- und Westeuropa ist zentral. Sei es bei den Ausstellungen Halb- und Voll-Jugo, bei der Stiftung Ambar (siehe unten) oder bei seiner T-Shirt-Kollektion. Dazu nimmt Milenko alte, ausgetragene Shirts von sich selbst, lässt diese von einer Freundin seines Jahrgangs in Bosnien mit vielen Linien benähen, näht selbst auf der Nähmaschine seiner Mutter weiter, bis die alten Kleidungsstücke voller Nähte sind und eine unerwartete Stabilität erhalten haben. Unerwartet war auch der Erfolg der Kollektion: «Von all den Bildern, die ich gemalt habe, konnte ich zwei, drei verkaufen. Die fünfzehn T-Shirts sind alle längst verkauft, für die nächsten Exemplare besteht eine Warteliste», staunt der vielseitige Künstler. Aha, Bilder hat er also auch mal gemalt. Die sehe ich später im Atelier, aber nur von hinten, denn das Atelier ist mehr Lager als Arbeitsraum; Bilder sind anscheinend momentan auch nicht so wichtig.

Immer noch wichtig sind die «Hauptsymbole der Hauptreligionen zum Aufhängen», 2007 entstanden im Rahmen der Bachelorarbeit. Aufgehängt werden sie momentan, im Massstab 1:25 verkleinert, für eine Mini-Gruppenausstellung in einem entsprechend miniaturisierten Gebäude. Die Objekte aus Draht erinnern an Kleiderbügel und können wie solche aufgehängt werden, stellen aber Kreuz, Davidstern, Swastika, Halbmond und einen fünfzackigen Stern dar. Die Hauptreligionen sind bei Lazic Christentum, Judentum, Hinduismus, Islam und Kommunismus. Diese fünfte Religion dominierte lange seine Heimat Jugoslawien. Heute sind Christentum und Islam auf dem zersplitterten Balkan wieder auf dem Vormarsch. Milenko ist empört: «Neben ausgebombten Dörfern und zerstörten Häusern wurden goldene Kirchen und teure Moscheen gebaut. Religion ist der Vorwand für viele schlechte Entwicklungen in Ex-Jugoslawien und spielt eine wichtige Rolle. Meine Symbole sind ein Kommentar zu diesen Vorgängen: Behaltet eure Religion bitte im Kleiderschrank!»

Der gebildete Migrant

Mit 13 zieht er aus Bosnien zu seinen Eltern in die Schweiz. Vier Jahre später besucht Milenko Lazic das Gymnasium, studiert zuerst slawische Literatur- und Sprachwissenschaft, dann Indologie und Islamwissenschaften, um schliesslich ein Kunststudium mit dem Master in Fine Arts an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) abzuschliessen. Seine Mutter ging vier Jahre lang zur Schule, sein Vater zwei.

Der stereotypische junge Mann aus dem Balkan kann nicht richtig Deutsch, ist gewalttätig, schafft kaum die Schule und höchstens eine handwerkliche Lehre, protzt mit Autos und teuren Kleidern und schwingt nicht nur grosse Töne gegen alle Schweizer, sondern auch gegen die Angehörigen aller anderen ex-jugoslawischen Staaten, ausser seinen eigenen Landsleuten. Milenko Lazic entspricht keinem dieser Klischees. Seine Mutter arbeitete seit den Siebzigerjahren als Saisonnier in der Schweiz. 1979 wird ihr jüngerer Sohn Milenko geboren, der bei seiner restlichen Familie in Bosnien aufwächst. 1990 zieht der Vater nach Zürich, die Mutter bleibt nun dauerhaft dort. Milenko wohnt bei seiner Tante im Norden Bosniens. Zwei Jahre später flüchtet er aus dem Bürgerkrieg zu seinen Eltern. Zum ersten Mal hat Milenko eine eigene Familie. «Wahrscheinlich hatte ich deshalb mit zwanzig nicht wie Gleichaltrige das Bedürfnis, mich von der Familie abzugrenzen», vermutet er heute. Die Beziehung zu den Eltern ist bis heute wichtig. Der Vater wohnt in der Wohnung nebenan, die Mutter ist mittlerweile zurück nach Bosnien gezogen. Sie, die am längsten in der Schweiz war, pflegt nun in der alten Heimat den Garten. Der Vater hält Bosnien nicht mehr aus, er kennt dort kaum jemanden mehr, sein Umfeld der späten Achtzigerjahre verschwand mit dem Krieg.

Mit dreizehn Jahren besucht Milenko in Zürich die Sekundarschule. Trotz fehlender Deutschkenntnisse kommt er gut mit. «In Naturwissenschaften und Mathematik hatte ich etwa zwei Jahre Vorsprung, das jugoslawische Bildungssystem war sehr stark in diesen Bereichen», erklärt Milenko. Dazu kommt sein mathematisches Talent: Während seiner Schuljahre in Bosnien nahm er mehrmals erfolgreich an Mathematikwettbewerben teil. Deutsch lernte er vor allem abstrakt. Schnell weiss er, wie Verben konjugiert werden, was ein Konjunktiv ist und wie Partizipien funktionieren. Sein Akzent ist ihm bis heute noch sehr deutlich anzuhören, er redet klassischen Balkan-Slang.

Nach der neunten Klasse könnte er eine KV-Lehre bei der Credit Suisse beginnen, die Eltern sind begeistert. Er besteht aber auch die Prüfung für das Gymnasium und entscheidet sich für diesen Weg, was die Familie erst nach einem Jahr zu verstehen beginnt. Milenko erinnert sich: «Von diesem Zeitpunkt an gewährten mir meine Eltern sehr viele Freiheiten. ‹Der weiss schon, was er macht!›, dachten meine Eltern, nachdem sie die Bedeutung des Gymnasiums erkannten.» Nach der Matura bietet sich ein Mathematikstudium an, seine Leistungen in diesem Bereich sind immer noch überdurchschnittlich. Er weiss aber, dass er Kunst machen will. Er studiert slawische Literatur und Linguistik, dann Indologie und Islamwissenschaften, hört aber mit beidem wieder auf. An der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) studiert er schliesslich «Fine Arts» und schliesst mit Bachelor- und Masterdiplom ab. «Ich wusste einfach, wenn ich nicht Kunst mache, würde ich es später bereuen. Vielleicht studiere ich später mal noch Mathematik», erzählt Milenko.

Der Stiftungsgründer

Was tun mit Geld, das man mit der eigenen Kunst verdient während dem Studium, für das man Stipendien erhält? Milenko Lazic hat damit eine Stiftung in Bosnien gegründet, die Kunst fördert, Künstlerinnen und Künstler aus dem Balkan und der Schweiz zusammenbringt und an der Versöhnung der Religionen und Kulturen im ehemaligen Jugoslawien arbeitet.

«Ambar» bedeutet in Sanskrit «Himmel», «Kleidung» und «Schale». Das Wort fand seinen Weg über Persisch, Arabisch und Türkisch ins Serbokroatische und bezeichnet dort einen Kornspeicher. Milenkos Familie besitzt einen solchen alten Speicher in Srednji Magnojevic, einem Dorf in der Nähe der Stadt Bijeljina in der Republika Srpska im Norden Bosniens. Dieses ungenutzte Gebäude wurde der Sitz der «Fondacija Ambar», gegründet von Milenko Lazic. Das Startkapital hat er mit seiner Kunst verdient: Während dem Studium an der ZHdK erhielt er Stipendien vom Kanton Zürich, gleichzeitig verdiente er ab und zu mit Performances und Ausstellungen Geld, das er nicht behalten wollte. Es bildete das Anfangskapital der «Stiftung Ambar». Dazu kamen weitere Spenden, so dass das aktuelle Stiftungskapital 6000 Euro beträgt. Die Fondacija ist transparent und veröffentlicht solche Zahlen auf ihrer Website. Eine Stiftung in Bosnien zu betreiben ist kein Zuckerschlecken: Die Anerkennung durch das Justizministerium zu erhalten war enorm kompliziert, die Eröffnung eines Bankkontos dauerte zwei Wochen.

Die «Stiftung Ambar» war Teil der Masterarbeit von Milenko Lazic und will Kunstschaffende unterstützen, vernetzen und das Bewusstsein für Kunst in der Gesellschaft fördern. Im September 2013 wurde ein zweiwöchiger Workshop organisiert, an dem Künstlerinnen und Künstler aus Bosnien, Kroatien, Serbien, Montenegro und der Schweiz teilnahmen. Die Stiftung stellte Kost und Logis sowie Geld für Material zur Verfügung, die Teilnehmenden konnten sich zwei Wochen lang ihrer Kunst und dem Ort widmen. Die Schule des Dorfes wurde einbezogen, die Kinder gestalteten mit, im Gemeinschaftsraum der Schule wurde eine Ausstellung veranstaltet. Der Raum erwies sich dafür aber als denkbar ungeeignet: «Früher war die Schule der Treffpunkt des ganzen Dorfes. Heute ist das die neu gebaute Kirche. Die sieben Personen im Dorf, die nicht orthodoxe Christen sind, gehören jetzt nicht mehr dazu», erklärt Milenko. Der Gemeinschaftsraum wurde vernachlässigt, die jungen Kunstschaffenden fanden darin zwei alte Fussballtore und zwanzig versteinerte Säcke Zement. Sie räumten auf, entsorgten den Zement, bemalten die Wände und veranstalteten gemeinsam mit den Kindern des Dorfes die geplante Ausstellung.


www.milenko.ch / www.fondacija-ambar.info

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