«Zwei Wochen Vaterschaftsurlaub können wir uns leisten, und wir sind es den Familien schuldig»

von Ivo Knill

Nationalrat Martin Candinas fordert zwei Wochen Vaterschaftsurlaub auf Kosten der EO. Das Geld dafür ist da. Hat der Vorschlag eine Chance?

Martin Candinas, auf Ihrer Homepage geben Sie Ihr Arbeitspensum mit 50% in einer leitenden Funktion an – Sie sind also ein Teilzeitmann, oder?

«Teils, Teils! Zu den 50% im Beruf kommen noch einmal mindestens 50% als Nationalrat, das gibt mehr als ein volles Pensum. Aber es ist schon so: Ich übe eine Leitungsfunktion in Teilzeit aus. Mit 50% ist das nicht immer einfach. Aber ich bin inzwischen der Überzeugung, dass man einen Kader-Job mit 80% problemlos ausüben kann.»

Martin Candinas ist ein Mann von 34 Jahren, jung für einen Parlamentarier. Er hat zwei Söhne und ist im Nationalrat der Jüngste der Väter. Candinas ist ein Mensch der Politik – prall, präsent und eloquent. Es macht ihm sichtlich Spass, über Politik zu sprechen, und er wirft sich mit Lust in die Debatte. Nach der Annahme der Einwanderungsinitiative schlug er vor, dass Ueli Maurer Aussenminister werden und die SVP-Vorlage umsetzen soll. Die Absicht ist klar: Wenn schon, soll einer wie Maurer den Kopf hinhalten für die Politik der SVP. Candinas kann auch poltern, gegen das Sorgerecht für schwule und lesbische Paare; das geht für ihn nicht. Candinas kämpft in der CVP für die beiden Initiativen zur Familienpolitik: Kinderzulagen sollen steuerfrei werden und die Heiratssteuer gehört abgeschafft. Provoziert hat er auch mit der Idee, das AHV-Alter müsse erhöht werden. Zusammen mit Andrea Caroni von der FDP und Thomas Aeschi von der SVP präsentierte er sich im letzten Herbst vor den Medien mit vorgestrecktem leerem Portemonnaie: Die AHV gehe zulasten der Jungen, wenn das Rentenalter nicht erhöht wird, das war die Botschaft.

Bei so viel Engagement in Beruf und Politik stellt sich die Frage: Reicht da die Zeit zum Vatersein? Candinas nickt, zögert und erklärt: Natürlich, als Nationalrat ist er 90 Tage im Jahr in Bern, weg vom Zuhause im Bündnerland. Er ist auswärts, im Beruf und in der Politik engagiert, seine Frau ist zuhause und kümmert sich um die Kinder. Klassisch. Sie haben den Entscheid gemeinsam gefällt, und seine Frau geht davon aus, dass sie später wieder gut in den Job einsteigen kann. Aber gerade der letzte Sonntag war ein Familientag, erzählt er, und jetzt strahlt Candinas: Vom Morgen, als ihn der ältere Sohn geweckt hatte, bis abends, als die Kinder ins Bett gingen, ein richtiger Familientag. Man nimmt Candinas die Freude an seinen Kindern ab. Er ist ganz sicher ein sprudelnder, spielfreudiger und optimistischer Vater. Und er hat im März dieses Jahres eine Vorlage für einen Vaterschaftsurlaub eingereicht: Zwei Wochen unmittelbar nach der Geburt, finanziert durch die EO.

Zwei Wochen Vaterschaftsurlaub

«Ich hatte das Glück, dass mein Arbeitgeber mir zwei Wochen Vaterschaftsurlaub geben konnte. Beim zweiten Kind wäre es ohne diesen Urlaub organisatorisch schwierig geworden. Ich schätzte die Möglichkeit sehr, unmittelbar nach der Geburt mit den Kindern und der Frau Zeit zu haben. Ich finde, es ist Zeit, dass alle Väter diese Möglichkeit haben. Vom Gesetz her ist nur ein Tag vorgesehen. Das ist zu wenig.

Nach unseren Berechnungen sind die Möglichkeiten für einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub da. Die EO-Kasse ist gut aufgestellt, das Geld ist da und das System ist eingespielt, da ja auch der Mutterschaftsurlaub über die EO geht. Zwei Wochen Vaterschaftsurlaub können wir uns leisten, und wir sind es den Familien schuldig.»

Candinas geht davon aus, dass die Finanzierung über die EO praktisch gesichert ist. Die EO war dafür eingerichtet worden, den Lohnausfall bei Militärdienst zu kompensieren. Seit der Einführung des bezahlten Mutterschaftsurlaubes werden die Leistungen an die Mütter ebenfalls aus dieser Kasse bezahlt. Insofern ist es logisch, dass auch ein Vaterschaftsurlaub über die EO abgedeckt wird. Dank der Verkleinerung der Armee und dem erhöhten Beschäftigungsgrad der Frauen ist die Kasse der EO gut gefüllt und erwirtschaftet einen Überschuss.

Eine geniale Idee also: Das Geld ist da, das Modell stimmt, und das Bedürfnis der Väter ist ausgewiesen. Und wie ist die Aussicht auf Erfolg?

«Die Gesundheitskommission des NR wird den Vorschlag beraten. Wenn er dann in den Rat kommt, könnte es gut sein, dass SP und Grüne mitmachen. Offen ist, ob die anderen Mitte-Parteien mitziehen. Ich rechne mir gute Chancen aus.»

Und wenn der Vorschlag zu vorsichtig ist? Wie wäre es denn mit vier Wochen Vaterschaftsurlaub auf Kosten der EO?

«Das wurde schon vorgeschlagen, hatte aber keine Chance. Ich denke, schon die zwei Wochen werden nicht so einfach durchzubekommen sein. Es gab bereits einen Vorstoss des Jugendparlamentes, der auch zwei Wochen verlangte und knapp abgelehnt wurde. Für mich sind die zwei Wochen noch nicht gewonnen. Ich werde dafür kämpfen müssen.»

Gegen Candinas Vorschlag hat sich bereits Widerstand angemeldet und zwar ausgerechnet von einem ebenfalls jungen und debattierfreudigen Kollegen. Andrea Caroni, FDP-Nationalrat aus Appenzell Ausserrhoden, hält nichts vom EO-Modell. Das überschüssige Geld der EO gehöre der Wirtschaft, sagt er. Hingegen hat Caroni den Vorschlag lanciert, den bestehenden Mutterschaftsurlaub aufzuteilen, so dass von den 14 Wochen ein Anteil den Vätern zusteht. Dies verlangt auch der Verein gleichberichtig.ch. Aber davon hält Candinas nichts:

«Caroni möchte einen Vaterschaftsurlaub, der auf Kosten des Mutterschaftsurlaubes gehen würde. Für mich kommt das nicht in Frage. Der Mutterschaftsurlaub ist eine Errungenschaft, die nicht angetastet werden darf. Aber immerhin zeigt Caronis Vorstoss, dass auch er die Zeit für einen Vaterschaftsurlaub für gekommen hält. »

Ein erster Schritt oder eine verpasste Chance?

Für Candinas ist klar: Sein Vorstoss holt für die Väter das heraus, was im Moment drin liegt: Zwei Wochen Urlaub nach der Geburt, finanziert über die bestehenden EO-Abgaben. Eine längst überfällige Massnahme, um den Familien das zu geben, was sie am nötigsten haben: Zeit, sich zu organisieren.

Markus Theunert von männer.ch hält fest: «Zwei Wochen für alle frischgebackenen Väter wären natürlich schon ein grosser Fortschritt, aber letztlich auch nicht mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein. Gleich nach der Geburt sind Väter vor allem als Helfer und Unterstützer ihrer Frauen gefragt. Die eigentliche Beziehung zum Kind wächst erst mit der Zeit. Um in diesen ersten Lebensjahren Zeit zu haben, um eine Beziehung aufzubauen, Kompetenzen zu entwickeln, einen eigenen Stil des Bevaterns einzuüben: Dafür braucht es wesentlich mehr und längerfristig zeitliche Ressourcen. männer.ch engagiert sich weiterhin für eine echte Eltern- und Väterzeit, die auch gleichstellungspolitisch den Hebel wirksam ansetzt in Richtung egalitärer Elternschaft.»

Ich denke, wir brauchen mehr Männer wie Candinas, die tun, was möglich ist, um Familien die Möglichkeit zu bieten, sich in der heutigen Welt zu organisieren. Es ist lobenswert, dass er sich als Mann der politischen Mitte für die Vorlage engagiert – bisher haben sich vor allem Frauen von links für moderne Familienpolitik stark gemacht.

Kommentare

Bisher keine Kommentare vorhanden

Kommentieren

Schreiben Sie einen Kommantar - wir freuen uns!


*Geben Sie Ihre E-mailadresse an, falls wir Sie für allfällige Rückfragen kontaktieren dürfen. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.


Weitere Artikel aus diesem Heft: