Männerzeitung #57 vom 01.03.2015

Der Platz meines Vaters am Esstisch

von Ivo Knill

Seit je her sind wir Söhne aufgebrochen, um es anders zu machen als unsere Väter. Das kann heute nicht anders sein – und daraus ergibt sich die Bewegung der Männer.

Der Platz meines Vaters am Esstisch war gegeben: Er sass am Kopfende, hinter sich die Anrichte, vor sich, zu seiner Rechten und Linken, die Familie, Töchter, Frau und Söhne. Sein Arm war lang und seine gezielten Interventionen mit der Gabel waren gefürchtet: Wer nicht richtig ass, riskierte einen Zwick mit dem Essbesteck.

Die Rolle meines Vaters war bestimmend. Man ass, wenn er zu essen begann, man wartete, wenn er noch nicht zuhause war. Man schwieg, wenn er zu den Nachrichten schwieg, und wenn man nicht schwieg, dann hiess es: «Ruhe am Tisch». Man gehorchte ihm, denn sein Leib, seine Vitalität und die Tatsache, dass er uns Kinder gezeugt und uns alle an diesem Tisch ernährte, waren unwiderlegbar. Ausserdem fuhr er einen mächtigen Amerikanerwagen, was seinem Wort zusätzliche Bedeutung verlieh.

Meine Mutter, es waren die sechziger und siebziger Jahre, hielt das mächtige Vaterbild aufrecht. Wenn sie mit Nachbarinnen sprach, dann hiess es: «Der Mann hat gesagt». Und wenn sie uns drohen wollte, dann drohte sie mit dem Machtwort des Vaters.

Es war aber auch die Mutter, die, ganz im Stil der antiken Tragödien, uns Kinder als Komplizen in ihren Freiheitsbestrebungen gegenüber dem Vater aufbaute. Uns klagte sie Leid und Unbehagen, uns gestand sie ihre Freiheitsfantasien. «Er» war der mächtige Abwesende. So sah ich als Kind von Anfang an beides: Die inszenierte Macht des Vaters, und wie sie hintergangen wurde. In seinem Poltern sah ich auch seine Schwäche, in seinem Vorrecht des Ernährers sah ich auch die Last des Verdienenmüssens. Ich sah seine hervorgehobene Position und die Fallhöhe eines möglichen Scheiterns – und mir schien, dass ich so nicht werden wollte. Ich war gegen das Militär und den Kapitalismus und gegen das Patriarchat.

Heute weiss ich, dass auch mein Vater andere Wege gegangen war, als sein Vater und seine Vorväter.

Mein Grossvater war ein Arbeiter. Als Zimmermann, Schreiner, Bodenleger arbeitete er bis ins hohe Alter. Seine Arbeit reichte nicht, um die Familie zu ernähren, aber sie reichte, um seine Gesundheit zu ruinieren. Ich erinnere mich an meinen Grossvater als einen schweren Mann, der auf dem Sofa lag und rauchte und, wenn er aufstand, nur schwer gehen konnte. Die Grossmutter verdiente als Heimarbeiterin dazu. Wenn wir zu Besuch waren, bügelte sie Bänder und war voller Güte und Zuversicht, während der Grossvater vor dem Fernseher sass. Ich kann mich kaum erinnern, mit ihm ein paar Worte gewechselt zu haben. An seinen Sonntagsanzug erinnere ich mich, in dem er fremd und feierlich aussah.

Für meinen Vater war es zweifellos eine Leistung, dass er seiner grossen Familie ein Auskommen zu bieten vermochte. Ich erinnere mich an die grossen Familienfeste: Jedes Jahr gab es unter den mehr als dreissig Cousins mehrere, die gefirmt wurden oder die erste Kommunion erhielten. Die ganze Sippe ergab eine Festgemeinde von über fünfzig Personen. Man buchte den grossen Saal in der Militärkantine. Während wir Kinder uns draussen die Festanzüge aufscheuerten, feierten drinnen die Väter, die Zios und die Zias: Zwei Stunden am Stück konnten sie beim Nachtisch singen. Das war der Optimismus einer Generation, die es geschafft hatte, am Aufschwung der sechziger und siebziger Jahre teilzuhaben. Jedes Jahr fuhr man im besseren Auto vor, jedes Jahr war man beruflich ein Stück weitergekommen.

So waren meine Väter anders geworden als ihre Väter. Sie feierten ihren Triumph als Männer, die ihrer Familie als Ernährer vorstanden. Aber wir alle kannten die Risse, die dieses glorreiche Bild hatte. Wir sahen die Mühe unserer Väter, ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Das machte sie zu Helden, neben den anderen Helden, die auf dem Mond landeten.

Ich aber war der Held einer neuen Liebe: Abhängigkeit und Liebe können nicht zusammengehen, das war mir klar. Ich konnte mir nicht vorstellen, mich mit einer Frau zu verbinden, die mir nicht gleich, ebenbürtig und gewachsen wäre. Natürlich war die Konsequenz dieser Wahl nicht leicht auszuhalten, denn sie schliesst es aus, den Menschen an sich zu binden, den man liebt. Sie schliesst es aus, über die Partnerin zu bestimmen. Und das heisst: Sie kann sich für Dinge entscheiden, die einem nicht passen. Der Gewinn aber ist die Gewissheit, dass die Frau an meiner Seite mir nicht folgt, weil sie muss, sondern neben mir geht, weil sie will: Ein grössere Sicherheit gibt es nicht.

Und doch war es damit nicht getan: Anders als der Vater zu sein, ist noch keine Identität für sich. Das ist erst der Aufbruch, ein Ankommen ist es nicht. Was heisst es denn, ein Mann zu sein? Will ich überhaupt so etwas wie «Männlichkeit» für mich definieren? Wir leben in einer Zeit, die das Konzept einer festen Identität auflöst. Niemand will als «Schweizer», als Angehöriger einer Berufsgruppe, als Angehöriger einer Religion in eine Rolle gezwängt werden. Wir lösen Rollen, Zuordnungen und Vorrechte auf – und das mit Gewinn. So wie es scheint, konnte man noch nie über sein Leben so frei bestimmen wie heute.

Wieso also die Freiheit aufgeben, um sich auf irgendeine Form von Männlichkeit festzulegen?

Das macht die Männerbewegung aus: Dass sie als Befreiungsbewegung die Kategorie des Geschlechtes in Frage stellt und zugleich nach einer neuen, offenen Bestimmung einer Würde des Geschlechtes sucht.

Der beste Ort für diese Bewegung ist die Männergruppe. Sie schafft den Rahmen, unter Männern zu sein, aneinander Mass zu nehmen, sich kritisch zu betrachten und einander auch gut sein zu lassen.

Ich trat einer Männergruppe bei und sah in anderen Männern erstmals ein Gegenüber und keine anderen, die es zu überholen galt. Meine Idee, als bewegter und moderner Mann auch der bessere Mann zu sein, zerbröckelte auf heilsame Weise. Es gab ein Ankommen in einem offenen Land, einem Raum der Möglichkeiten. Mann zu sein – keine Bürde, kein Privileg, sondern Teil dessen, was dieses faszinierende offene Ganze einer Identität ausmacht.

Kann ich heute der Mann sein, der ich will? Ja. Ganz gewiss. Und ich denke, es ist die Leistung meiner Generation von Männern, dass wir den Platz an der Stirnseite des Tisches aufzugeben beginnen. Es gibt – das ist der Gewinn – auch andere Plätze: Wir können nebeneinander gegenüber mit unseren Frauen und Kindern am Tisch sitzen. Wir müssen nicht schweigen und Schweigen einfordern, und wir müssen nicht immer siegen. Wir sind die Generation von Männern, die auf Privilegien verzichtet. Nicht ganz uneigennützig – denn der Preis dieser Privilegien ist hoch.

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