Ohnmächtig Bös

von Martin Schoch

Martin Schoch wie auch Philipp Gonser beraten gewalttätige Männer. Ein Gedankenaustausch unter Berufskollegen.

Ich treffe Männerberater Philipp Gonser im «Mannebüro Zürich». Zusammen wollen wir über jene gewalttätigen Männer sprechen, die uns in unseren Beratungsstellen auf-
suchen. Es ist also ein Gespräch unter Berufskollegen,
da ich selber während 14 Jahren am «Männerbüro Basel» als Berater gearbeitet habe. Unsere Klientel sind oft Männer, die in ihrer Paarbeziehung oder in der Familie gewalttätig geworden sind, oder kurz davor standen, einfach böse Jungs – oder etwa doch nicht?

Martin Schoch: Wie siehst Du das, Philipp: Sind gewalttätige Männer immer auch böse Männer?

Philipp Gonser: Von aussen gesehen, sind die Bösen die, die zugeschlagen haben, ja. Von innen her betrachtet, fühlen sich diese meist ohnmächtig. Es sind jene Männer, die nicht mehr weiter wussten und sich mit Körpergewalt wieder in eine Machtposition bringen wollten. Für mich stellt sich bei meiner Arbeit immer wieder die Frage: Wie weit sind wir alle, auch du und ich, bereit zu gehen, wenn wir verzweifelt sind?

Martin Schoch: Meine Erfahrung ist, dass Täter – oder Gefährder, wie man sie heute nennt – oft die Tendenz haben, sich selber als Opfer zu sehen. Sie würden von ihrer Frau oder ihren Nächsten nicht verstanden, verbal gedemütigt, in die Enge getrieben. In Ausbildungen zur Gewaltberatung wird denn auch darauf hingewiesen, sich als Berater nicht auf diese Ebene verleiten zu lassen, sondern dem Gefährder bewusst zu machen, dass er sein Handeln, seine Tat selber verantworten muss.

Philipp Gonser: Ja, aber dennoch müssen wir den Mann auf dieser Ebene abholen, denn da steht er ja, wenn er bei uns ankommt.

Martin Schoch: Und wie geschieht das?

Philipp Gonser: Vorerst mal durch empathisches Zuhören, das verstehen lässt, wo der Mann steht, in was für einer Lebenswelt er sich bewegt und welches Bild er sich davon macht. Denn: Die erste Intention seines Handelns ist oft «gut gemeint». So ist das Gegenteil von «gut» oft erstmal «gut gemeint», wie die Band Kettcar singt. Das «wirklich Böse» passiert erst im Anschluss. Und so führt «gut gemeint» eben nicht zwangsläufig zum Ziel. Der Mann versteht nicht, was abläuft, fühlt sich nicht ernst genommen, gar als Opfer der Umstände. Er hat oft ein tiefes Gefühl von Alleingelassen-Sein, von Verzweiflung und Ohnmacht. Eine daraus entstehende Gewalttat kommt dann oft erst mal einem «Befreiungsschlag» gleich.

Martin Schoch: Ja, mir fällt immer wieder auf, dass nach dem Zuschlagen wirklich wie ein Moment der Entspannung entsteht. Sogar in der Erzählung der Ereignisse im Nachhinein.

Philipp Gonser: Ja, für einen Moment sind dann die Fronten vermeintlich geklärt, der enorme Druck, der auf dem Mann lastete, hat sich entladen. Aber sehr schnell entsteht Unverständnis für das Vorgefallene. Schuldgefühle, Reue und Scham kommen auf. «Ich weiss gar nicht, wie das passieren konnte, ich war plötzlich von null auf hundert» ist oft die Erklärung. «Es» ist einfach passiert.

Martin Schoch: Mmmh, dabei lief er schon lange auf neunundneunzig und hat es nicht gemerkt.

Philipp Gonser: Genau, zumindest merken die meisten nicht, wie sie seit langem Druck aufbauen. Da geht es im Beratungsprozess dann darum, die Selbstwahrnehmung zu schärfen und zu erweitern. Ganz konkret mit dem Mann in Zeitlupe seine persönlichen Konfliktsituationen durchspielen. Zeigen, was im Vorfeld alles passiert. Und generell zu schauen: Was für eine Dynamik dominiert die Beziehungskultur, wo werden überall Grenzen verletzt. Auf der Grundlage der erweiterten Wahrnehmung, den neuen Perspektiven, gelingt es meiner Meinung nach dann erst, in eine grössere Eigenverantwortung hineinzuwachsen, in eine Selbstermächtigung ohne Gewalt.

Martin Schoch: Ich neige dazu, Gewalt in Beziehungen weitgehend als ein gegenseitiges Nicht-Wahren der Grenzen zu sehen. Sei dies nun psychisch oder physisch. Ein verhängnisvolles Sich-ineinander-Verstricken, das zwangläufig zu Machtlosigkeit führt. Der Bezug zum Selbst ist gestört. Man kann sich nicht mehr aus sich selber heraus ermächtigen, um mit sich und der Umwelt klar zu kommen. Dies gilt sowohl für Täter wie Opfer.

Philipp Gonser: Ja, dies ist auch für mich der zentrale Punkt. Es geht erst einmal darum, sich selbst in Konfliktsituationen bewusster wahrzunehmen. Schnell sehen wir «das Böse» im Gegenüber; ein Freund wird plötzlich zum Feind, oder zumindest zu einem Fremden, der uns im Innersten angreift, und wir fühlen uns genötigt, uns zu verteidigen. In vielen Streitsituationen fühlen sich alle Beteiligten als Opfer, entweder des Anderen oder der Situation im Allgemeinen. Die Welt lässt uns im Stich. Ich denke, es hilft, wenn wir lernen, uns besonders auch in solchen Momenten liebevoller uns selbst zuzuwenden, anstatt in eine Zerstörungsdynamik zu fallen. Achtsamer zu werden dem gegenüber, was in einem selber vorgeht, und erst einmal zur Ruhe zu kommen, bevor wir handeln. Diese Suchbewegung führt letztlich zur Selbstliebe als unumgängliche Grundlage jeder anderen Liebesbeziehung.

Martin Schoch: Ja, da tun wir Männer uns oft schwer: Zuerst wollen wir die Welt retten – und erst dann uns selber. Erst «ich wollte doch nur» und dann der grosse Frust, wenn andere nicht auch so wollen. Wir fühlen uns nicht mehr verstanden. Und das ist noch ein wichtiger Punkt: Ich rede hier von «uns Männern»; aber wer, Philipp, sind eigentlich die Männer, die bei Dir Beratung suchen?

Philipp Gonser: Nun mal vom Alter her, da ist es das ganze Spektrum vom Zwanzigjährigen bis zum Senior; es gibt aber zwei statistische Spitzen, eine so um die Dreissig und eine um die Fünfzig. Oder anders gesagt, am Eingang und am Ausgang des Familienlebens; beides einschneidende Ereignisse, die grössere Umstellungen fordern.

Martin Schoch: Das deckt sich mit meinen Erfahrungen; insbesondere wenn Familie «unverhofft» kommt und sich die Lebensumstände ohne Vorbereitung ändern; aber auch wenn sich abzeichnet, dass die Kinder langsam «flügge» werden und man sich wieder mehr auf die Partnerschaft zurückgeworfen sieht, auf eine Partnerschaft, die über weite Strecken vernachlässigt wurde. Plötzlich merkt man, dass man sich schon lange auseinandergelebt hat, Unsicherheit und Unverständnis macht sich breit. Eine andere Situation, die ich häufig angetroffen habe, sind Männer mit Migrationshintergrund: Männer also, die sich zwischen tradierten Werten und den emanzipierten Forderungen ihrer Partnerin, respektive unserer Gesellschaft, zerrissen fühlen. Kurzum: Männer, die zwischen zwei Welten stehen.

Philipp Gonser: Ein heisses Thema. Erstens mag ich den Begriff «Migrationshintergrund» nicht besonders, da er suggeriert, dass es eine Vordergründigkeit dieses Menschen gibt und dahinter etwas Verborgenes. Ich nenne sie Menschen mit Migrationsgeschichte. Das zweite, was gefährlich ist bei dieser Thematik: Schnell kann eine sehr undifferenzierte Diskussion entstehen. So nach dem Motto, dass es ja eh die «rückständigen Ausländer» sind, die die Gewaltprobleme in die Schweiz bringen. Und das kommt dann oft von Leuten, die selber noch an tradierten Rollenbildern festhalten und sich Sicherheit in patriarchalen Strukturen suchen.

Martin Schoch: Ja, wie heisst es so schön: Die grössten Kritiker der Elche waren früher selber welche. Ich denke auch, das Umdenken bezüglich häuslicher Gewalt und den Rechten der Frauen hat bei uns noch nicht so viel Geschichte, dass wir das gegen andere ausspielen müssen.

Philipp Gonser: Wenn wir schon auftrennen wollen, dann eher nach sozialer Schichtzugehörigkeit. Finanziell und sozial etablierte Männer können sich in Krisensituationen eher privat Psycho- oder Paartherapie leisten. Ebenso sind sie sozial oft besser eingebunden, um Hilfe zu mobilisieren. Entsprechend nehmen sie seltener mit uns Kontakt auf. Auf der Strecke bleiben hingegen sozial schlechter Gestellte, wozu dann halt auch solche mit Migrationsgeschichte gehören, die zusätzlich fern der Heimat noch nicht zwingend ein tragendes Netzwerk aufbauen konnten. Ich bin der Meinung, bis auf wenige Ausnahmen vielleicht können wir alle gewalttätig werden, wenn wir nur genügend unter Druck gesetzt werden. Diese «Schmerzgrenze» liegt sicherlich bei jedem woanders, doch wir alle haben ein Gewaltpotenzial. Soziale Isolation sehe ich beispielsweise als einen grossen Risikofaktor für wiederholte Gewalthandlungen.

Martin Schoch: Es gibt politisch auch immer wieder Kritik, dass man überhaupt Geld für Täterarbeit aufwirft. Oft steht dann die Aussage im Raum, dass Täter sich eh nicht helfen lassen; das Klischee des Schlägers, der Wohlgefallen findet an seinem Tun. Wie berät man solche Männer?

Philipp Gonser: Nun, Du weisst sicher selber, dass sich solche Männer kaum in der Männerberatung zeigen. Wichtig zu wissen ist, dass alle Männer, die zu uns kommen, freiwillig kommen, auch solche, die wir im Rahmen des Gewaltschutzgesetzes proaktiv kontaktieren. Freiwillig kommt aber nur, wer zumindest eine gewisse Einsicht zeigt, etwas ändern möchte oder zumindest nicht nur denkt, selbst alles richtig gemacht zu haben.

Martin Schoch: Deshalb nun ein ganz anderes Thema. Die britische Autorin Erin Pizzey gründete das erste Frauenhaus Grossbritanniens und gilt als Pionierin. Später aber schrieb sie: «Von den ersten hundert Frauen, die durch unsere Türen kamen, waren 62 genauso gewalttätig wie ihre Ex-Männer. Und ich musste der Tatsache ins Auge sehen, dass den Männern immer die Schuld an Gewalt in der Familie gegeben wird.»

Philipp Gonser: Diese Beobachtung überrascht mich nicht. Letztlich heisst dies doch nur, dass es dringend Orte braucht, wo alle Menschen, die unter häuslicher Gewalt leiden, Schutz, Verständnis und Hilfe bekommen. Ich finde jedoch auch: Solche Zahlen gehören in einen Kontext gesetzt.

Martin Schoch: Glauben wir gängigen Geschlechtertheorien, so wird nun mal Männlichkeit in Form eines Herrschaftssystems hergestellt. Und das sowohl gegenüber den Frauen als Ganzes, wie auch unter den Männern selber. Der Schritt zur Gewalt, bei einem solch ungleichen System, liegt bei Nichtgelingen nahe.

Philipp Gonser: Ja, es ist ja auch offensichtlich, dass Gewalt von Männern nicht nur gegenüber dem anderen Geschlecht ein grosses Problem darstellt, sondern auch unter Männern selber. Ein Grossteil von Gewalt auf dieser Welt geschieht unter Männern und von Männern gegen sich selber. Auch hier wird wieder sichtbar, welche Meister wir doch sind in der Verdrängung unserer Zerbrechlichkeit und Abhängigkeit. Können kaum Gefühle der Schwäche aushalten, möglichst rasch geht’s zurück in den Kampf gegen «das Böse», immer im sicheren Wissen: «Wir sind die Guten.»

Martin Schoch: Für mich ist es gerade deshalb wichtig, aufzuzeigen, dass Männlichkeit nicht einer biologischen Konstante gleichkommt, sondern sozial geformt ist und somit auch neue Rollenbilder entstehen können, wie dies die Frauen zumindest teilweise schon praktizieren.

Philipp Gonser: Womit wir wieder beim Anfang stehen: Selbstwahrnehmung, mich als Mann von innen selbst wahrzunehmen und mir Sorge zu tragen. Dazu gehört auch, seine Männlichkeitsbilder zu hinterfragen und wo nötig persönlich weiterzuentwickeln. Da sehe ich für mich ein enormes Privileg bei meiner Arbeit. Wer darf schon in das Männerbild, in die Selbstwahrnehmung so vieler Männer schauen, wie wir als Berater? Eine Chance, ständig auch an der eigenen Selbstwahrnehmung zu arbeiten.


Der 32-jährige Philipp Gonser engagiert sich seit dem Jahr 2011 als Männerberater auf dem «mannebüro züri» (mannebuero.ch). Zusätzlich ist er seit letztem Sommer als Integraler Coach und Berater für Männer wie Frauen, alleine oder als Paar, in selbständiger Tätigkeit unterwegs (philippgonser.ch).

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