Männerzeitung #61 vom 01.03.2016

«Ich bin ein Callboy»

Interview: Martin Schoch

Renato ist Callboy und betreibt das grösste Schweizer Callboy-Portal für Frauen. Mit Martin Schoch spricht der 36-Jährige über seine Arbeit, seinen Körper – und seine Seele.

In der Schweiz bieten rund 15 000 bis 20 000 Menschen sexuelle Dienste gegen Entgelt an. Davon sind schätzungsweise rund 10 000 bis 15 000 Frauen. Rund 3000 bis 5000 sind Jungs oder Männer – die ihre Dienste Männern anbieten. ­Männer, die für Frauen da sind, gibt es möglicherweise gerademal 200 bis 300. Einer von ihnen ist Renato.

Männerzeitung: Renato, Frauen nehmen käufliche sexuelle Dienste nahezu hundertmal weniger in Anspruch als Männer. Hast du eine Erklärung dafür?

Renato: Fest steht: Ich beobachte ein Wachstum der Anzahl Frauen, die sich einen Callboy wie mich leisten. Ich denke, die Frau als «Freierin» wie auch der Mann als «Callboy» werden in Zukunft eine gewisse Selbstverständlichkeit erhalten. Die Frauen sind selbstbewusster geworden. Meine Beobachtung ist allerdings auch: Männer wollen erobern, Frauen wollen sich begehrt fühlen. Das ist ein anderes Bedürfnis. Und: Frauen finden wohl auch schneller eine andere Gelegenheit zum Geschlechtsverkehr. Zum Callboy kommen nur die Frauen, die kein Risiko eingehen wollen. Jene, die Anonymität garantiert haben möchten. Dahin arbeiten wir auch, und ab diesem Jahr werde ich für die «Boys» auf unserer Plattform tiefgreifende, sachliche, aber auch persönlichkeitsbildende Weiterbildung sowie Gütesiegel einführen. Neben einem der vielen Themen beinhaltet dieses Siegel auch einen aktuellen HIV-Test. So können wir bestätigen: Er ist gesund.

In Schweden ist der Kauf sexueller Dienste verboten. Es besteht weitgehend der Konsens, dass der Kauf von solchen Dienstleistungen ein Akt der Gewalt ist. Siehst du das, als Callboy, auch so?

Wenn ich die Frage auf mich persönlich beziehe, auf meine Dienstleistung, dann ist meine Antwort klar: Nein. Ich sehe keinen Unterschied zu allen andern Dienstleistern. Ich nutze meinen Körper und mein Einfühlungsvermögen, um einer Frau ein sinnliches Erlebnis zu ermöglichen. Ein Erlebnis, das sie für sich haben möchte und wofür sie auch bereit ist zu ­bezahlen. Das ist für mich genauso, wie wenn sie in die Physiotherapie, in den Coiffeur-Salon oder zur Kosmetikerin geht.

Es gibt doch sicher auch Kundinnen, die in keiner Weise deinem Ideal entsprechen. Drängst du dich denn nie zu etwas, was du nicht willst?

Ich glaube, es ist meine Fähigkeit, in jeder Frau etwas Schönes, etwas was mich reizt zu sehen. Vielleicht ist dies eine der Grundvoraussetzungen, um als Callboy arbeiten zu können. Aber: Jeder Mensch hat auch seine Grenzen; man sollte für Geld durchaus nicht alles tun. Wenn ich im Vorgespräch merke, dass es ganz und gar nicht passt, würde ich selbstverständlich höflichst ablehnen und vielleicht jemand Passenderen empfehlen. Und das nicht im Sinne von «du passt nicht», sondern «ich passe nicht».

Und das gelingt dir wirklich immer?

Bis jetzt habe ich noch nie eine Kundin abgewiesen, es sei denn aus anderen Gründen, wie beispielsweise dem Wunsch nach ungeschütztem Verkehr oder harten SM-Praktiken.

Was wollen deine Kundinnen? Geht es immer nur um Sex?

Die meisten Kundinnen sind im Alter zwischen 35 und 60 – und ja: Sie möchten einen sexuellen Austausch, die jüngeren fast ausnahmslos. Reifere Frauen wollen manchmal auch nur zärtliche Berührung, körperliche Geborgenheit. Was alle wünschen: Zärtlichkeit erleben, mal sanftes Kuscheln, aber durchaus auch Leidenschaft. Vor allem aber wollen sie als Frau, in ihren sexuellen Wünschen verstanden werden. Meine Kunst ist es, ihnen zu vermitteln, dass sie so, wie sie sind, begehrenswert sind. Ich achte ihr Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Sexualität – und: Ich kann sie auch befriedigen.

Sind es denn Single-Frauen oder solche, die in einer Beziehung leben?

Beides. Frauen, die in einer Beziehung leben, gar verheiratet sind, oft sogar glücklich. Die Frauen bekommen aber in ihrer Beziehung sexuell nicht das, was sie sich wünschen. Frauen, die alleine oder wieder alleine leben und sich in keiner Weise binden oder verpflichten möchten, gibt es auch. Diese Frauen haben Angst vor Enttäuschungen. Es sind jedenfalls alles Frauen, die zu einem Profi möchten, denen Sicherheit wichtig ist und die sich nicht auf ein zweifelhaftes Abenteuer einlassen möchten.

Die meisten Männer wollen, nachdem sie eine Prostituierte besucht haben, möglichst schnell wieder Normalzustand herstellen. Nur eine kleine Minder­heit von Männern entwickelt zur Prosituierten eine Art Beziehung. Wie ist das bei Frauen?

Frauen brauchen Zeit, wenn es um Intimes geht. Männer funktionieren offenbar eher wie ein Mikrowellenofen, der sehr schnell heiss ist, «nach Gebrauch» aber auch schnell wieder kalt. Frauen müssen wie ein Kachelofen langsam warm werden, bleiben dann aber lange in diesem Zustand. Schon vor dem Treffen wollen sie Austausch im Chat oder am Handy; oft dauert es Tage bis Wochen bis genügend Vertrauen da ist, bis ein erstes Treffen stattfindet. Manchmal trifft man sich sogar erst auf einen Kaffee. Beim eigentlichen Treffen ist meist eine Anlaufzeit von einer halben Stunde eingeplant, und in der Regel dauert das Treffen etwa drei Stunden. Frauen, die sich kurz­entschlossen einen Mann für das schnelle Erlebnis aus dem «Katalog» wählen, sind selten. Noch gehört dies nur für wenige Frauen – wenn auch zunehmend öfters – zu einem modernen «Lifestyle».

Sex als Konsumgut ist offenbar von den Frauen (noch) kaum entdeckt. Besteht bei deiner Arbeit nicht die Gefahr, dass da manchmal mehr mitschwingt, als nur eine sexuelle Dienstleistung?

Ja, tatsächlich gibt es solche Frauen. Haben sie mal Vertrauen aufgebaut, wollen diese dann auch ausserhalb der Treffen regelmässig in Kontakt treten. Da muss ich manchmal klarstellen, dass es mein Beruf ist, eine Dienstleistung eben, die auch ihre Grenzen hat.

Und umgekehrt? Hast du dich noch nie in eine Kundin verliebt?

Manchmal ist schon mehr daraus entstanden. Es wäre gelogen, das nicht einzugestehen. Einmal habe ich eine Kundin, die mir angenehm war und sich die Treffen finanziell nicht mehr leisten konnte, noch ein paar Mal einfach so getroffen. Aber das war die grosse Ausnahme.

Also eine Beziehung? Wie sieht es überhaupt mit Beziehungen aus?

Lassen wir es mal bei «viel Sympathie». Ich bin vom Sternzeichen her Zwilling – und Zwillinge können schlecht treu sein. Ein Vorteil für meinen Beruf, ein Nachteil, um eine feste Bindung einzugehen. «By the way», ich bin übrigens auch ein Zwilling im anderen Sinne: Mein Zwillingsbruder arbeitet ab und an auch als Callboy in meiner Agentur.

Hast du Angst, dich zu binden?

Weiss ich nicht, denke eher, ich bin der Traumfrau noch nicht begegnet, und im Moment geniesse ich meinen promisken ­Lebensstil und erhalte mir so viel Freiheit.

Und wenn sie eines Tages daherkommt: die Traumfrau.

Dann höre ich auf, als Callboy zu arbeiten. Das wolltest du doch wissen?

Erraten! Und wenn sie den gleichen Beruf ausübt wie du? Ist eine solche Frau für dich als Partnerin denkbar?

Auf jeden Fall, sonst würde ich mich ja selber herabwürdigen und an Authentizität verlieren. Wobei: Derselbe Job bei einer Frau ist etwas völlig Anderes.

Was ist denn da so völlig anders?

Ein Mann geht primär zu einer Prostituierten, um wieder mal Sex zu haben, vielleicht den «Jagdinstinkt» zu stillen. Oft verbindet der Mann nicht Gefühle oder Zuneigung, er will einfach Sex, möglichst unkompliziert. Für eine Frau hingegen geht es auch ums Drumherum. Sie stellt grössere Anforderungen an den Callboy, als dies in der Regel ein Mann tut.

«Schöner Gigolo, armer Gigolo» sangen Marlene Dietrich und viele andere. Ist der moderne Gigolo auch arm? Was verdient man als Callboy?

Bist du verdeckter Ermittler vom Steueramt? (lacht) Es reicht nicht, dass man davon leben könnte. Ein Treffen von drei ­Stunden kostet bei mir 600 Franken. In guten Zeiten kann es pro Woche drei bis vier Treffen geben, aber das ist lange nicht ­immer so. Ausserdem darf Geld nicht die einzige Motivation sein, damit würde man sich selbst auch schaden. Wie gesagt: Es darf keinen Druck geben.

Was geht dir durch den Kopf, wenn du auf dem Weg zu einem Treffen bist?

Nach vier Jahren in diesem Metier ist man da gelassen, aber natürlich: Eine gewisse Spannung, eine Art Vorfreude ist ­immer da.

Also ganz cool und ganz Casanova.

Wo denkst du hin? Ich war immer scheu, wenn es darum ging, eine Frau anzusprechen und, glaub‘ es mir, ich bin es heute noch. Da kommt mir die Arbeit als Callboy entgegen, denn da werde ich ja angesprochen, das fällt mir viel leichter. Für mich ist es ein schöner Beruf.

Kommentare

1 Kommentare vorhanden

Monika schrieb am 13.08.2016 - 19:39

Callboy

Der Artikel ist super. Ich persönlich finde es eine sehr gute Sache, dass wir vernachlässigten Frauen einen Callboy buchen können. Für mich ist es einfach schön, für einige Stunden abschalten und mich gehen lassen zu dürfen. Fühle mich in diesen Stunden Stunden einfach nur gut und geborgen. Zärtlich angefasst zu werden ist einfach wunderbar. Danke, dass es diese Möglichkeit gibt. Am Anfang stand die Angst im Vordergrund, aber jetzt möchte ich nicht mehr darauf verzichten.

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