Männerzeitung #61 vom 01.03.2016

Der Stress des Samenspenders

Interview: Thomas Gesterkamp

Martin Bühler hat deutlich mehr als hundert Kinder. Der Samenspender erhielt zeitweise 12 000 Anfragen im Jahr. Ein Interview über einen Nebenjob der ganz besonderen Art.

Martin Bühler: Anfangs hatte das rein finanzielle Gründe. Ich wollte mir mein Studium finanzieren – und bin so das erste Mal zu einer Samenbank gekommen. Ich merkte dann aber bald, dass anonyme Spenden nichts für mich sind. In Dänemark habe ich später ein lesbisches Pärchen mit Kinderwunsch kennengelernt. So kam es erstmalig zu einer privaten Spende. Später wurde mir bewusst, dass es in unserer Gesellschaft ein unglaubliches Tabu ist. Wir gehen sehr schmerzfrei mit Themen wie «Pornografie» um, aber beim Thema «Samenspende» wird nur die Nase gerümpft. Dabei ist der Bedarf ­inzwischen gigantisch.

Im Gegensatz zu einer offiziellen Samenspende findet die private Samenspende nicht auf einer Samenbank statt. In welcher Umgebung findet diese denn statt?

Das ist von Spender zu Spender ganz unterschiedlich. Bei mir war es meist in einem Hotel. Nur anfangs habe ich das ein paar Mal auch in Privatwohnungen gemacht. Eine gewisse Distanz sollte schon gewahrt bleiben.

Wie funktioniert denn die Befruchtung? Ist Sex in jedem Fall tabu?

Ja, Sex war bei mir immer tabu. Die Frauen sind im gleichen Hotel wie ich, das muss alles in kurzer zeitlicher Distanz vonstatten gehen. Das heißt, man hat mehrere Vorgespräche, dann trifft man sich in einem Hotel, der Spender produziert das Sperma und übergibt es sofort. Die Empfängerin geht dann in ihr Zimmer, und macht dort die Inseminationsspritze.

Neben Singlemüttern und lesbischen Paaren kamen auch Frauen zu Ihnen, deren Partner zeugungsunfähig sind. Letzteres stelle ich mir schwierig vor.

Ja absolut. Heterosexuelle Paare haben nie zu meiner Hauptzielgruppe gehört. Und das, weil das Problem meist bei den Männern liegt. Oft ist es so, dass der Spender zunächst einmal mit den Partnern der Frauen sprechen muss. Für mich ist derjenige, der ein Kind erzieht oder versorgt, der Vater. Man sollte nicht so großen Wert auf die genetische Herkunft legen.

Wie groß ist der Bedarf an der Dienstleistung «Samenspende»?

Ich kann nur sagen, dass ich jährlich zwischen 10 000 und 15 000 E-Mails beantwortet habe. Und von denen waren mindestens 8000 bis 10 000, manchmal 12 000 direkte Anfragen.

Machen Sie im Internet Werbung für sich? Ist das ein seriöser Markt?

Werbung mache ich jetzt nicht mehr, ich habe mit dem Samenspenden aufgehört. Auf diesem Markt gibt es viele, denen es nicht um die Erfüllung des Kinderwunsches geht, sondern die die Zeugung auf natürlichem Weg praktizieren möchten. Und da muss sich die Frau schon sehr genau überlegen, welchen Weg sie gehen möchte.

War das Samenspenden für Sie ein normaler Job?

Ja, das wird so zur Routine, dass es ein ganz normaler Job werden kann. Ich hatte immer einen Hauptjob im kaufmännischen Bereich, aber zehn bis zwanzig Spenden im Jahr, ein bis zwei im Monat waren es meist schon.

Aber nicht jedes Mal entsteht ein Kind. Und dennoch; Wenn ich das hochrechne auf fünfzehn Jahre, kommt ja einiges zusammen.

Bis der Erfolg da ist, dauert es in der Regel zwischen sechs und zehn Versuchen. Man kann davon ausgehen, dass man ein Jahr braucht, bis die Befruchtung funktioniert hat. Es ist also ein Irrglaube, man spendet ein Mal und dann entsteht ein Kind. Das ist in den fünfzehn Jahren vielleicht zwei Mal passiert, meist braucht man mehrere Anläufe. Oft sind große Entfernungen zurückzulegen, man muss sich auf den Zyklus der Frau einstellen, zur Eisprungzeit am richtigen Ort sein. Wie viele Kinder mit meiner Hilfe entstanden sind, will ich nicht sagen. Sie können aber davon ausgehen, dass es eine Zahl im unteren dreistelligen Bereich ist.

Das heißt, Sie haben dann manchmal sechs bis zehn Mal dieselbe Kundin?

Ja, oft über Jahre. Es gibt Frauen, die ein Jahr pausieren und es dann wieder versuchen. Wenn sie mit einem Spender ­zufrieden waren, wechseln sie in der Regel nicht. Und es gibt Empfängerinnen, die zwei Kinder vom gleichen Spender wollen. Und nicht von einem anderen Erzeuger.

Was kostet eine Samenspende?

Eine Samenspende kostet zwischen 50 und 150 Euro. Das ist der Satz, den jede Samenbank auch zahlen würde. Was aber viel mehr kostet sind Anreise, Hotel und die Gesundheitsatteste, also HIV, Hepatitis und so weiter. Man könnte davon leben, ­irgendwann können Sie auch 200 Euro nehmen, und wenn Sie dann Ihre fünf, sechs, sieben Empfängerinnen haben und Sie machen das zwei- oder dreimal die Woche, dann kann das zum Hauptjob werden.

Ist das denn ein Fall für das Finanzamt?

Das wird ganz normal versteuert als Zusatzeinkommen, ja. Steuerfrei sind Samenspenden nur, wenn Sie an eine Samenbank spenden.

Was wollen die Empfängerinnen vorher von Ihnen wissen?

Hat eine Frau Interesse, sende ich ihr erstmal eine Kopie meines Personalausweises Damit ist schon mal klar: Ich bin eine reale Person und kein Pseudonym aus dem Internet. Dann ­natürlich die letzten aktuellen Atteste. Worum es den Frauen am wenigsten geht, ist das Aussehen. Eher Zuverlässigkeit, Sympathie, familiäre Umstände des Spenders, geordnete Verhältnisse sind ihr wichtig. Sie will wissen, ob er studiert hat, einen geregelten Job ausübt.

Was ist das für ein Gefühl, der leibliche Vater so vieler Kinder zu sein?

Eine Samenspende ist für mich nichts anderes als eine Blutspende. Klar: Die Auswirkungen und Verantwortung sind ­natürlich viel größer, keine Frage. Aber im Prinzip ist es ­eigentlich ein Sekret, das man abgibt und damit anderen zum Wunschkind verhilft, nicht mehr und nicht weniger. Wichtig ist, dass die Empfängerinnen damit von Anfang an offen umgehen. Es ist kein Problem, wenn man Kindern von vorne ­herein erzählt, dass sie durch eine Samenspende auf die Welt gekommen sind.

Haben Sie Kontakt zu den Kindern und deren Müttern?

«Professionelle» Samenspender – ich weiß, ein furchtbares Wort – machen ganz oft Schwangerschaftsbegleitung. Manche sind auch bei der Entbindung dabei. Es ist immer gut, wenn man später ein Gespräch mit den Kindern hat. Sie sollen die Möglichkeit haben ihren Erzeuger kennenzulernen. Ich habe bei solchen Kontakten festgestellt, dass Kinder damit völlig normal umgehen, wenn man sie nicht anlügt, wenn man ihnen einfach die Wahrheit sagt.

Wieso gehen Kundinnen zu Ihnen statt zu einer offiziellen Samenbank?

Sie schätzen die private Atmosphäre und dass sie die Möglichkeit haben, mich vor einem ersten Versuch erstmal kennenzulernen. Das ist natürlich schöner, als wenn Sie aus dem Internet einen Spender online auswählen.

Wie gehen Sie mit der ethischen Kritik an der Samenspende um?

Ich finde, wenn eine Frau einen Kinderwunsch hat, dann hat sich der Staat darum zu kümmern, dass sie wenigstens das Recht hat, diesen legal zu verwirklichen. Und ich finde nicht, dass sich eine kirchliche Organisation dort einmischen und beurteilen sollte, wer darf und wer nicht.

Was sagt eigentlich Ihre Frau dazu – und weiß Ihre Tochter davon?

Meine Frau weiß es. Wir haben uns kennen gelernt, als ich ­bereits Spender war. Sie weiß natürlich auch, dass das Spenden zu hundert Prozent sexfrei ist, daher war das bei uns nie ein Thema. Und meine Tochter ist «aufgeklärt», und sie hat in ihrem pubertärem Alter absolut kein Problem damit.

Warum haben Sie aufgehört mit dem Samenspenden?

Es ist eine wahnsinnige emotionale Belastung. Man muss wirklich schauen, dass man die Distanz wahrt. Es sind damit Schicksale verbunden, teilweise Tragödien. Und nach so vielen Jahren ist dann irgendwann der Punkt gekommen, wo ich ­gesagt habe: es reicht. Ich bin froh, dass ich diesen Schritt ­gemacht habe, und trotzdem möchte ich weiter darüber reden.


Martin Bühler ist in einem Dorf in der Nähe von Augsburg aufgewachsen und arbeitet als Kaufmann in der Lebensmittelbranche. Der 43-Jährige ist verheiratet und lebt mit seiner Frau und seiner Tochter an der deutsch-dänischen Grenze. Über seinen «Nebenjob» hat er das Buch «Der Samenspender» geschrieben.

Thomas Gesterkamp ist Journalist in Köln und Autor mehrerer Männerbücher, unter anderem «Die Krise der Kerle» und «Die neuen Väter zwischen Kind und Karriere».

Mehr Infos: www.thomasgesterkamp.de

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