Männerzeitung #61 vom 01.03.2016

Zwei Singles ein Kind

von Ivo Knill

Ein schwuler Mann und eine lesbische Frau haben zusammen ein Kind. Eine Familie wollen sie nicht sein, zumindest nicht eine ganz normale. Aber was heisst das schon?

Christine und Gianni: Die beiden interessieren mich. Ich beginne sie zu mögen, obwohl ich wenig von ihnen weiss. Mit Christine habe ich nach Berlin telefoniert, ein kurzes Gespräch in der Mittagspause. Mit Gianni spreche ich per Skype. Sein Büro im Hintergrund, bunt, kreativ, aber auch laut. Es wird gearbeitet, weshalb wir dann, der besseren Verbindung wegen, die Kamera ausschalten. Gianni leitet eine Theatergruppe von Schauspielern, Clowns, Musikern, Tänzern und weiteren Theaterschaffenden aus zehn Nationen. «Die Truppe erfindet sich für jedes Stück neu», erklärt er. Sie heisst «Familie Flöz», nach ihrem ersten Stück aus dem Jahr 1996. Sicher hatten diese Gruppe und ihr Name etwas zu tun mit Giannis Leidenschaft für die chaotisch-liebevolle und kreative Verbindung mit Menschen, wie sie eben eine Familie ausmacht. Aber für Gianni begann die Auseinandersetzung mit den Fragen von Familie und Vaterschaft schon viel früher – nämlich mit seinem Comingout. Damals mischte sich in die Freude, zu dem zu stehen, was er war, also schwul, auch die Trauer darüber, dass er als schwuler Mann nicht Vater werden kann. «Der Kinderwunsch war schon immer da», erzählt Gianni weiter. Wenn auch lange Zeit nur als Schmerz angesichts der Unmöglichkeit, ihn zu erfüllen. Und davon handelt diese Geschichte also, von einem schwulen Mann, der Künstler und auch Vater werden wollte.

Eine Plattform, ein Date, eine Schwangerschaft

Während dem Telefonat mit Christine hörte ich Autos vorbeirauschen. Christine ist 33, Ärztin, und seit Oktober 2013 Mutter von Milla, Giannis Tochter. Christine war in einer lesbischen Beziehung, als sie nach einem Vater für ihr Kind zu suchen begann. Kurzerhand gründete sie zusammen mit ihrer damaligen Freundin das Portal «familyship.org». Die Vermittlungsplattform führt Männer und Frauen mit Kinderwunsch zusammen. Im Moment sind dort 1440 Frauen eingetragen, die Mutter werden möchten, 782 Männer, die Vater werden wollen, sowie 77 sogenannte «Yes-Samenspender». Männer also, die ihre Identität gegenüber dem Kind offenlegen, ohne aber eine soziale Vaterschaft anzustreben. Das Portal richtet sich an Regenbogenfamilien – aber nicht nur. «Im Vordergrund steht bei allen der Kinderwunsch», erklärt Christine, während sie Kaffee schlürft. Manche seien offen für eine klassische Beziehung, manche sehen sich als lesbisches oder schwules Elternpaar, das einen Vater oder eine Mutter dazu sucht. Wie viele Kinder über die Vermittlung entstanden sind, kann Christine nicht sagen, aber sie erfährt über Kinderwunschgruppen und aus Rückmeldungen an sie immer wieder von glücklichen Eltern.

Bei Christine jedenfalls funktionierte die Online-Elternschafts-Vermittlung. Nicht auf Anhieb, aber nach einigen Versuchen fand sie Gianni. Das erste Date verlief chaotisch. Gianni hatte sich dummerweise zur gleichen Zeit mit einem zweiten Date verabredet und jonglierte am Handy zwischen dem Hier und dem Jetzt, und dem Da und dem Dort. Dann, nach anderen Dates mit anderen Männern: Zweiter Versuch, neues Treffen, gemeinsame Ausflüge, Diskussionen, gemeinsame Ferien. Kennenlernen, sich näherkommen, sich füreinander interessieren, genau wie bei Heteros – nur eben: Keine Liebesbeziehung. Dafür entwickelt sich eine Idee von einem gemeinsamen Kind. Denn viel klarer als bei anderen Paaren ist es das Kind, das die beiden verbindet. Und dann der Versuch, schwanger zu werden. Die Bechermethode. Aufregend, weil es um etwas geht, um ein Leben, wenn die Flüssigkeit vom einen zum anderen geht. Es funktionierte zwar nicht in Moskau, wo Christine Gianni auf seiner Tour begleitete, aber danach: Christine wurde schwanger.

Ein Leben, ein Alltag, eine Fast-Familie

Im Herbst 2013 kommt Milla zur Welt. Sie ist heute gut zwei Jahre alt und teilt mit Gianni und Christine einen normal-nichtnormalen Alltag. Noch leben die Eltern in zwei getrennten Wohnungen, aber der Zusammenzug ist geplant. «In eine grosse WG», sagt Gianni. Zwei durch einen Durchbruch verbundene Wohnungen werden es sein, gemeinsame Küche, viel Platz. Bis es soweit ist, pendelt Milla. Sie hat zwei Häuser, sagt sie. Tagsüber ist sie bei der Tagesmutter, Gianni bringt und holt sie. Wenn sie nicht bei ihm schläft, bringt er sie zu Christine in die Wohnung. Sie trinken einen Tee auf dem Sofa, sitzen noch etwas zu dritt zusammen. Wie eine Familie, aber eben nicht ganz. «Ich will dem nicht Familie sagen», beharrt Gianni, «das ist so eine Kiste, und ich will nicht in eine Kiste gesteckt werden.» Er erzählt von seiner Reise nach Amerika. Dort erlaubt das Gesetz vieles, was hier verboten ist. Samenspende, Leihmutterschaft, Anerkennung von zwei Vätern, zwei Müttern ist möglich. «Schwule und Lesben dürfen alles – nur nicht anders sein als alle anderen», sagt er, «alles ist möglich, solange da das Haus, die Veranda, der Vorgarten und das Auto ist, wie bei allen anderen.» Gianni ist aber nicht dafür zu haben, die bürgerliche Familie unter schwulen oder lesbischen Vorzeichen zu reinszenieren. Er selbst will Vater sein und nicht Samenspender-Onkel für ein lesbisches Paar. Mit Christine, der Mutter des Kindes, ist er befreundet – zu viel Nähe will er nicht. Sie ist ihm wichtig, aber er romantisiert sie nicht als wichtigsten und einzigen Menschen in seinem Leben. So sind sie beide mehr als die bessere Hälfte des Paares.

Viele bunte Möglichkeiten

Gianni trägt einen wunderbaren Funken der Freiheit in sich, den er in der «Familie» nicht verlöschen lassen will. «Im ersten Jahr war die Nähe zwischen Christine und Milla sehr gross. Sie waren von der Geburt her eine Einheit. Ich musste meine Rolle und meinen Platz suchen und finden», sagt Gianni. Wie jeder Vater. Gianni brachte sich ein, baute eine eigene Beziehung zu Milla auf, unabhängig von Christine. Seine Rebellion gegen die Familie ist wohl eine Rebellion gegen die Verschmelzung im Elternpaar. Vielleicht ist dieser Funken der Freiheit aber nichts anders als reife Elternschaft. Verschmelzung kennt keine Verantwortung, sondern nur den Wunsch, aufgehoben zu sein. Verantwortung aber braucht Freiheit und eine achtsame Solidarität mit dem Menschen, mit dem man sich verbindet. Reife Elternschaft ist ohne den Mut zum Alleinsein kaum zu haben.

Und wenn doch die Traumfrau kommt? Nur schon deshalb würde Gianni Christine nie heiraten wollen. «Das wäre doch absurd», sagt er und ergänzt, «sie könnte ihren geliebten Menschen nicht heiraten, weil sie mit einem schwulen Mann verheiratet wäre.» Für sich selbst wartet aber Gianni keinesfalls auf den Traummann. Vielleicht gehört er zu den Menschen, die Mitte Dreissig und Vierzig werden und sich schon oft verliebt und entliebt haben und nicht mehr daran glauben, dass sie einmal ihr ganzes Leben mit einem einzigen Menschen teilen werden.

Die Skypeverbindung knackt. Gianni zögert. Seine Antwort erstaunt mich: «Ich bin schon als Freund eine Zumutung mit meinem ganzen Sack von Geschichten aus meinen ersten zwanzig Jahren. Ich will das niemandem voll und ganz aufhalsen.» Wir sprechen weiter, dann ruft die Arbeit.

Wie gesagt: Ich habe nur kurz mit Christine und Gianni gesprochen und dabei versucht, mir ihr Leben vorzustellen. Mich fasziniert, wie sie ein Zusammen­leben entwickeln, das Freiheit, Selbst­bestimmung, emotionale Klarheit und Spielfreude in eine ständig neu zu bestimmende Balance bringen. Ich beginne sie zu mögen, obwohl ich wenig von ihnen weiss.

www.familyship.org

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