Köln und die Debatte um den fremden Mann

von Michael Tunç

Auch zwei Monate nach den Ereignissen während der Kölner Silvesternacht sitzt der Schock noch tief. Allerdings sind es nicht nur die Taten, die schockieren. Eine Rassismuskritik.

Seit den Vorfällen sexueller Übergriffe zu Silvester 2016 diskutieren Öffentlichkeit und Medien heftig über zwei Begriffe: «Geflüchtete» und «Männlichkeit». Von den rund 31 Tatverdächtigen sollen neun algerischer, acht marokkanischer, fünf iranischer, vier syrischer, zwei deutscher, ein irakischer, ein serbischer sowie ein US-amerikanischer Staatsangehörigkeit sein, 18 von ihnen sind Asylsuchende. Und so viel ist klar: Die von Gewalt und Missbrauch betroffenen Frauen brauchen professionelle Hilfe, die Taten rasche Aufklärung – und die Täter konsequente Bestrafung. Das allein reicht aber noch nicht. Neben der wichtigen Debatte über fachliche wie politische Konsequenzen der Vorfälle fordern die feministischen Verfasserinnen und die weit über 10 000 Mitzeichnenden der Aktion «#ausnahmslos» zudem reflektierte und differenzierte Ansätze in der Sexismuskritik. Die Rassismus- und Sexismuskritik sollen konsequent miteinander verbundenen werden. Das heisst: Sexismus und sexualisierte Gewalt dürfen nicht ethnisiert und religionisiert werden. Weder Zugewanderten noch dem Islam und seinen (häufig vermeintlichen) Angehörigen darf Sexismus pauschal zugeschrieben werden. Und das ist auch ein sehr wichtiges Anliegen.

Der «Deutsche Frauenrat» machte jüngst auf frauenspezifische Bedarfe gesundheitlicher und psychologischer Versorgung geflüchteter Mädchen und Frauen aufmerksam. Der Verband fordert deren Schutz vor «geschlechtsspezifischer Verfolgung und Gewalt» – der noch immer nicht verwirklicht ist. Ähnlich argumentiert die Praxisstelle «Antisemitismus- und rassismuskritische Jugendarbeit» (ju:an). Das Projekt der «Amadeu Antonio Stiftung» fordert geschlechtersensible Ansätze der Jugendhilfe und Mädchenarbeit, die für geflüchtete Mädchen dringend erforderlich sind. Aktuell noch eine Leerstelle im Fachdiskurs bilden allerdings entsprechende Ansätze für geflüchtete Jungen.

Es fehlt an gendersensibler Flüchtlingshilfe

Das «Bundesforum Männer» hat vergangenen Januar das Fachforum «(Junge) Männer – Flucht, Migration, Vertreibung» durchgeführt. Das Symposium sieht Fluchtfragen auch als Männerfragen. Es kritisiert den Mangel geschlechtsreflektierter Ansätze für männliche Geflüchtete. Diese bräuchte es aber nun umso mehr. Medien und Öffentlichkeit sehen geflüchtete Männer allzu oft nur als Gewalt- und Bedrohungspotential für Frauen und Gleichstellungswerte. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin der gemeinnützigen Organisation «Dissens» Juliane Lang kritisiert zirkulierende Rassismen von Familienpopulistinnen und Antifeministen: «Sie nutzen die Rede von ‹unserer› Kultur, die es zu verteidigen gelte, entweder gegen den ‹Genderismus› als inneren Feind oder frauenfeindliche muslimische Männer als Bedrohung von außen.»

Auch nach dem deutschen Journalisten und Autor Thomas Gesterkamp unterscheiden sich Aussagen der Zeitschrift «Emma» erschreckend wenig von Beiträgen der Rechtspopulistinnen oder Antifeministen. Klar ist: Die berechtigten feministischen Ziele heiligen nicht die Mittel zur Umsetzung, die oft der Ethnisierung dieser Männer Vorschub leisten. Kritisiert werden muss auch die teils rassistische Bildsprache von Massenmedien. Die «Süddeutsche» wie auch der «Focus» zeigten schwarze Hände, die ein sexualisiertes Angreifen weißer Frauenkörper symbolisieren. Afroamerikanische Männer kämpfen zurecht gegen solche Fälle des geschlechtsspezifischen Rassismus, die sie pauschal als hypermaskulin, gefährlich und sexistisch darstellen.

Wer genauer hinschaut, findet leider noch weitere Schieflagen in den grundsätzlich richtigen Aktivitäten, die sich gegen Gewalt an Frauen wenden. Viele der jetzt aktiven Konservativen waren bislang nicht nur beim Engagement gegen Verschärfungen des Sexualstrafrechts im Sinne der Haltung «Nein heißt Nein» untätig, sondern haben die entsprechenden, seit Jahren geäußerten Vorschläge von Frauenverbänden sogar ausgebremst. Es stellt sich die schwierige Aufgabe, Gewalttaten von Männern mit Migrationshintergrund gegen Frauen klar zu verurteilen und engagiert anzugehen – ohne migrantische Männer unter den Generalverdacht des Sexismus zu stellen. Ein weiteres Beispiel zeigt, wie solche Aktivitäten weit über das Ziel hinausschießen können: Beim (inzwischen wieder aufgehobenen) Schwimmbad-Verbot für männliche Geflüchtete in der Nähe von Bonn ist es offensichtlich, dass es nach den sexuellen Übergriffen in Köln, Hamburg und Stuttgart zu Verletzungen des Diskriminierungsschutzes kam. Das Zutrittsverbot ist nach der Stiftung «Leben ohne Rassismus» eine rassistische Praxis der Selektion, weil sie Männer, die als arabisch oder nordafrikanisch wahrgenommen werden, unter Generalverdacht stellt. So machen Beratungsstellen der Antidiskriminierungsarbeit die Erfahrung, dass diese Männer in verschiedenen Lebensbereichen diskriminiert werden, beispielsweise beim Zugang zu Fitnessstudios oder Diskotheken, auf dem Wohnungs- oder Arbeitsmarkt.

Sexistisch sind immer die «Anderen»

Die Verengung des Blicks darauf, was für Probleme Zugewanderte anderen Menschen bereiten können, macht es fast unmöglich, deren Benachteiligungen oder Opfererfahrungen wahrzunehmen, anzuerkennen und ebenfalls anzugehen. Erste Ergebnisse männlichkeitstheoretischer Studien über männliche Geflüchtete aus Österreich zeigen zudem, wie sehr insbesondere geflüchtete Männer unter der asyl- und ausländerrechtlich erzwungenen Erwerbslosigkeit leiden. Jene Männer wünschen sich eine Integration in den Arbeitsmarkt. Eine gendersensible Flüchtlingshilfe, die sich dieser besonderen Situation geflüchteter Männer zuwendet, existiert so gut wie nicht, wie das Bundesforum Männer beklagt. Auch die anstehenden Asylrechtsverschärfungen in Deutschland – insbesondere die restriktiven Regelungen der Familienzusammenführung – treffen nicht nur die Kinder der geflüchteten Familien hart. Es führt auch zu massiven Nachteilen und Ausgrenzungen geflüchteter Mütter und Väter. Politik und Gesellschaft sind gefordert, die Menschenrechte Geflüchteter zu wahren und zu verwirklichen. Ausserdem muss an dieser Stelle ein Bruch mit den Gewohnheiten erfolgen, wie über Männer mit Migrationshintergrund (muslimischen Glaubens) gedacht und gesprochen wird.

Die Öffentlichkeit sowie die Medien müssen anerkennen, dass migrantische Männer von sozialer wie rassistischer Ausgrenzung betroffen sind oder sein können. Allzu oft wird diesen Männern so ihre Würde und das Wahrnehmen ihrer Verletzlichkeit vorenthalten. Die Kölner Vorfälle markieren dabei nicht den Beginn der Kritik an «fremden» Männlichkeiten. Es gibt leider eine lange, über Jahrzehnte entwickelte Kontinuität ethnisierender und religionisierender Männlichkeitsdiskurse. Ein Anfangspunkt waren bereits die rassistischen und antisemitischen Zuschreibungen auf jüdische Männer. Sie galten in der nationalsozialistischen Rassenideologie als schwach, beziehungsweise «verweiblicht». Durch die Ethnisierung von Sexismus kommt es dazu, dass Sexismus bei ethnisch-kulturell «Anderen» verortet wird. So legitimiert eine Gesellschaft den Ausschluss dieser «Fremden», respektive Zugewanderten, was die Mehrheitsgesellschaft entlasten kann.

Das bipolare Täter-Opfer-Schema reicht nicht

Im Zuge der Arbeitsmigration seit den Sechzigern wurden ­immer wieder männliche Migrantenjugendliche als angeblich hypermaskulin und besonders gewalttätig diskutiert. Im weiteren Verlauf dominanter Diskurse über «fremde» Männer wurden dann Themen verhandelt wie Zwangsverheiratungen junger deutsch-türkischer Frauen, «Ehrenmorde», häusliche Männergewalt gegen migrantische Frauen, integrationsverweigernde «Islammachos» in Parallelgesellschaften – und so weiter. Problematisch ist dabei nicht, dass traditionelle Männlichkeiten kritisiert werden, sondern wie man sich zumeist allein auf Kultur, beziehungsweise Religion konzentriert und sich mit unterkomplexen Erklärungen am stereotypen «Männerkollektiv» Zugewanderter abarbeitet. Teile dieser Bilder wurden jetzt in den Bedrohungsszenarien wieder lebendig. Sie wurden zu Bestandteilen aktueller Diskussion über Gefahren der Zuwanderung geflüchteter Männer, auch schon vor den Silvestervorfällen.

Das «männerpolitische Dreieck» des amerikanischen Soziologen Michael Messner ermöglicht es beispielsweise, Männer nicht nur als Privilegierte zu sehen. Männlichkeit hat auch hohe Kosten und sollte konsequent in ihrer Diversität betrachtet werden. So eine Betrachtungsweise kann in der aktuellen Debatte helfen. Lösungsansätze bietet auch eine rassismuskritische Männerpolitik, wie sie beispielsweise das Netzwerk «Männlichkeiten, Migration und Mehrfachzugehörigkeiten e.V.» formuliert. Insbesondere der dort diskutierte Ansatz der Intersektionalität ermöglicht es, das Zusammenspiel von ethnisch-kulturellen, sozialstrukturellen und geschlechtlichen Differenzen für die hier aufgeworfenen Fragen fruchtbar zu machen. So lässt sich eine Perspektive entwickeln, die diesen Männern hilft, ihre Würde zu wahren. Diese neue Perspektive, jenseits der Polarisierungen hinsichtlich der Opfer- oder Tätererfahrungen migrantischer Männer, muss endlich weiterentwickelt und verankert werden. Nur so können wir Männlichkeitskritik diversitätssensibel praktizieren.


Michael Tunç ist Diplom-Sozialpädagoge und schloss vor kurzem das Projekt «Praxisforschung für nachhaltige Entwicklung interkultureller Väterarbeit in NRW» ab. Das Evaluationsprojekt der Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI) wurde im Auftrag des Ministeriums für Arbeit, Integration und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (MAIS) durchgeführt. In dem zweijährigen Projekt evaluierte der 48-Jährige sieben interkulturelle Väterpro­jekte (siehe iva-nrw.de).

Tunç ist im Vorstand des Netzwerkes «Männlichkeiten, Migration und Mehrfachzugehörigkeiten» (www.netzwerk-mmm.de).

Kommentare

2 Kommentare vorhanden

Daniel Ammann-Neider schrieb am 08.03.2016 - 16:17

Männerspezifische Migrannten Arbeit

Dankbar habe ich den Beitrag von Michael Tunc"Köln und die Debatte um den fremden Mann" gelesen. Nur schon wegen diesem Artikel hat sich die Kooperation für die Internationale Männerzeitung gelohnt. Der Beitrag schärft den Blick über die CH Grenzen hinaus und macht mit einem Ansatz bekannt, wie Männer,welche aufgrund von Vertreibung, Flucht und Migration in ihrer Würde verletzt wurden hier angekommen unter den Generalverdacht des Sexismus gestellt werden. Es braucht, wie der Autor richtig schreibt eine gendersensible Arbeit mit den geflüchteten Männern. Deshalb hat das Mannebüro Luzern schon vor den Ereignissen in der Kölner Silvesternacht einen neuen Fachbereich "Männer Interkulturell" gegründet. Männer mit und ohne Migrationshintergrund gründen zurzeit in Luzern ein Männer Netzwerk, damit gerade jüngere Männer, die bei uns ankommen Orte angeboten werden können, wo sie ihre Rolle als Mann reflektieren und neu finden können in der neuen Heimat. Das ist für uns ein erster kleiner Schritt, damit eine Willkommenskultur lebendig und konkret wird. Männer aus der Männerbewegung in der Zentralschweiz verbünden sich mit Männern, die schon länger neu hier sind. Und tauschen sich untereinander aus, was es braucht, damit wir gemeinsam (neue, jüngere) Männer unterstützen können neue Wurzeln zu schlagen. Wir sind als Mannebüro Luzern sehr daran interessiert von ähnlichen männerspezifischen Projekten zu lesen oder zu hören! Dabei war der Beitrag in der neuesten Nummer der Männerzeitung ein erster guter Anfang. Auf mehr freut sich Daniel Ammann-Neider von manne.ch in Luzern.

Beate Vinke schrieb am 02.03.2016 - 10:47

rassismuskritische Jungenarbeit

Hallo, zunächst einmal freue ich mich über diesen Beitrag wie auch über den Start der internationalen Männerzeitung! Ich teile die Einschätzung, dass eine gendersensible und (!) rassismuskritische Arbeit mit jungen männlichen Geflüchteten eine Leerstelle ist. In der Mädchenarbeit entwickeln sich seit mehr als 10 Jahren Ansätze zur rassismuskritischen Mädchenarbeit - auch wenn dies innerhalb der Mädchenarbeit keine breite Bewegung darstellen und stellenweise auf erhebliche Widerstände treffen. Publikationen finden sich hier: http://www.maedchentreff-bielefeld.de/ueber_uns/uns_veroeffentlicht.html Ich vermisse Bewegungen zu einer dezidiert rassismukritischen Jungenarbeit - oder ich habe diese nicht mitbekommen? Für Hinweise wäre ich sehr dankbar! Mein Eindruck ist, dass sich Geschlechtersterotype in den medial verbreiteten Bildern/Vorurteilen von männlichen wie weiblichen Geflüchteten verstärken - junge männliche Geflüchtete dienen als Projekttionsfläche der Angst, junge weibliche Geflüchtete dienen als Projektionsfläche von Humanität (Frauen und Kinder zuerst). Jungen männlichen Geflüchteten wird Gewalttätigkeit zugeschrieben, junge weibliche Geflüchtete werden auf's Opfersein reduziert. Diese polarisierenden Bilder hängen miteinander zusammen. Diesen Zusammenhängen würde ich gerne noch mehr nachgehen und dazu bedarf es aus meiner Sicht auch der Kooperation von Jungen- und Mädchenarbeit im Kontext der Arbeit mit jungen Geflüchteten. Mit herzlichen Grüßen Beate Vinke, Kontakt: beate.vinke@maedchenarbeit-nrw.de

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