Männerzeitung #39 vom 01.09.2010

Unterwegs mit dem Kompass der Archetypen

von Bernhard von Bresinski

Grosse Reisen führen nach innen. Ihr Preis: Sich inneren Realitäten zu stellen, die wir lieber flüchten. Ihr Gewinn: Ankommen bei sich selber. Skizze einer Landkarte des Innern.

Reife Männer flüchten nicht. Sie sind präsent für sich und für andere. Sie sind im Kontakt mit ihren tiefen Wünschen und Visionen. Sie sind lebendig in dem Leben, für das sie sich bewusst entschieden haben. Diese kurze Definition für reife Männlichkeit beinhaltet auch die vier Hauptqualitäten der vier männlichen Archetypen: die Präsenz des inneren Kriegers, die Hingabe des Liebhabers, die Inspiration des Magiers und die Souveränität des Königs. Die vier Archetypen sind ein Kompass, der sehr hilfreich ist, um sich mit den eigenen Stärken und Schwächen als Mann auseinanderzusetzen, ohne psychologisieren zu müssen. Wir arbeiten in der Männer- Initiation systematisch mit diesem Kompass und machen damit sehr fruchtbare Erfahrungen.

In der Mitte stehen

Vorgestern, auf dem Maloja-Pass, auf der Schwelle zwischen Engadin und Bergell, bin ich in der Abendsonne einer überraschenden Szene begegnet, in der ein älterer Mann auf wunderbare Weise reife Männlichkeit verkörperte. Auf der Spielwiese des Ferien- und Bildungszentrums Salecina waren um diesen Mann fünf Mädchen mittleren Alters versammelt. Der Mann trug einen leuchtend weissen Vollbart, eine rabenschwarze Aikido-Robe und das weisse Kampf-Hemd. Er brachte den Mädchen Aikido-Grundschritte bei. Ihnen war es aber mehr ums Spielen und sie machten ihren eigenen Tanz daraus. Der Meister folgte aufmerksam den Bewegungen der Mädchen, liess sie gewähren und führte sie doch immer wieder zu den Grundübungen zurück. Etwa dreissig Meter weiter stand eine Gruppe von Jungen, die sich offenbar zu einem Fussballspiel versammelten, doch die Mannschaftsbildung kam nicht vorwärts, weil ein Teil der Jungen immer wieder verstohlen und fasziniert zu den Mädels und dem Meister rüberblickte.
Wenn wir diese Situation mit den vier Grundmustern reifer Männlichkeit betrachten, dann sind darin alle Hauptqualitäten vertreten: Da ist der «Magier», ein Eingeweihter mit verborgenem Wissen und einer ausgefeilten Technik, der junge Menschen ins Aikido einweiht. Da ist der «König», der sie in ihrem Ausdruck wertschätzt, ihnen ihren Freiraum gibt und doch verbindlich bleibt. In dem Raum, den er geöffnet hat, sorgt er für Ordnung. Da ist auch der «innere Krieger», der trotzdem dem wankenden Interesse der Mädchen standhaft bleibt und mit Präsenz und Feingefühl sein Interesse durchsetzt. Schliesslich ist auch der «Liebhaber» da, der mit Hingabe sein Aikido lehrt und kreativ in eine spielerische Beziehung tritt.

Männer als Experten der Flucht

Ich bin viel herumgekommen, vielen Männern begegnet, aber die reifen Männer mit einem solchen Profil, die kann ich an einer Hand abzählen. Aus der männerspezifischen Psychotherapie wissen wir: Männer flüchten vor dem Kontakt mit den eigenen Gefühlen, sie haben sehr effektive und unbewusste Strategien der Gefühlsabwehr. Sie verdrängen, rationalisieren, flüchten in die Arbeit und die Leistung, in die Sucht und die Gewalt, um nicht mit den eigenen schwierigen Gefühlen konfrontiert zu werden. Was Männer oft erst mal lernen müssen, ist, diese Gefühle überhaupt wahrzunehmen. Und auch Körperpsychotherapeuten wie ich, die sich das Wahrnehmen von Gefühlen zum Beruf gemacht haben, erfahren als Männer, dass es schwierige Gefühle gibt, die sie nur schwer zulassen können.

Biographie als Entkommen

Wie kommt es dazu, dass Männer so stark vor ihren eigenen Gefühlen flüchten? Ich möchte dazu in meine eigene Geschichte zurückschauen. Denn in meiner Familie gibt es eine ganze Reihe von ausgeprägten Flucht-Experten. Als ich als 14-jähriger Junge meinen ersten Orientierungslauf im Wald gewann, wusste ich noch nicht, dass ich schon ein Flucht- Spezialist war. Ich wollte nur eines: So schnell wie möglich durch den Wald kommen und mich nicht einholen lassen. Ich genoss es sehr, kreuz und quer durch den Wald zu rasen – wie ein Jäger oder ein Gejagter von einem Posten zum nächsten. Ein eigenartiges körperliches Triumphgefühl erfüllte mich nach solchen Leistungen: Ich habe es geschafft! Der Sieg an sich bedeutete mir nicht sehr viel.
Erst fünfundzwanzig Jahre später, in einer Lebenskrise, erschöpft vom Beziehungs-Vater-Berufs-Ausbildungs-Stress, wurde mir bewusst, wie tief mir die Fluchterlebnisse meines Grossvaters in den Knochen sassen. Als Kind wurde mir seine Geschichte immer wieder erzählt: Als Gefreiter der deutschen Reichsarmee sei er im Ostfeldzug bei Kiew in Gefangenschaft geraten und dann nach Sibirien in ein Lager verfrachtet worden. Er konnte flüchten und ist als Einziger seiner Einheit lebend zurückgekehrt. Einzig aufgrund seiner grossen physischen und mentalen Widerstandskraft habe er überlebt. Wunderbar war, dass er nach dem Krieg zurückkehrte, tragisch jedoch blieb, dass er nie über seine Kriegserlebnisse – der deutsche Ostfeldzug war ausgesprochen grausam – sprechen konnte. Er hat sie mit ins Grab genommen. Mein Vater wiederum machte daraus seine eigene Flucht-Geschichte. Nachdem er als Ältester während dem Krieg für die Familie die finanzielle Verantwortung getragen und im Nachkriegsdeutschland Brotfabriken gebaut hatte, war er durch eine frühe Ehe überfordert, verliess Frau und zwei Söhne – und brach für fünfzehn Jahre jeglichen Kontakt ab. Begründung: Er habe nicht die Kraft gehabt, den Kontakt zu halten, es sei gefühlsmässig zu schwierig gewesen. Später hat sich mein Vater sehr intensiv mit den Konsequenzen «ungelebter Emotionen» auseinandergesetzt und darüber sogar ein Buch geschrieben. Doch blieb es für ihn schwierig, gewisse Gefühle überhaupt zu spüren. Auch das Sprechen im Kontakt mit Gefühlen wie Traurigkeit und Wut, Scham und Schuld blieb für ihn sehr schwierig – Rationalisieren fiel ihm weitaus leichter, mit viel System und wie gedruckt.
Fazit: Flucht ist eine Überlebensstrategie – sie rettet Leben. Der Preis: Gefühle nicht mehr wahrnehmen und spüren. Und: Erfolgreiche Flucht-Strategien werden über die Generationen weitergegeben.

Agenturen der Flucht

Das Archetypen-Modell kann auch männliche Flucht-Strategien entschlüsseln helfen. Die häufigste Form der Flucht vor den eigenen Gefühlen, der ich in der Männer-Initiation und in der Psychotherapie mit Männern begegne, ist diejenige des «Agenten» – einer Schatten-Figur des inneren Kriegers. Alle Männer haben einen guten Agenten in sich. Einen, der sich gerne in den Dienst von anderen stellt und für seinen Auftrag das Beste gibt. Männer, die sich verbiegen, um die Bedürfnisse der Partnerin zu erfüllen und ihre eigenen nicht wahrnehmen, sind in der Agentenrolle gefangen. Eine Zeit lang haben sie den Gewinn einer gut funktionierenden Partnerschaft, aber der Preis dafür ist hoch. Der Agent im Mann ist einer, der so gut trainiert ist, die Erwartungen von Anderen zu erfüllen, dass er ganz automatisch die eigenen Bedürfnisse nicht mehr wahrnehmen kann. Die Körperpsychotherapie nennt das «Agentur»: Ein im Körper automatisch ablaufender Schutz-Mechanismus, der eigene Impulse und Bedürfnisse unbewusst unterdrückt, um Erwartungen zu erfüllen, die erhoffte Liebe und Anerkennung bringen.

Aufbrüche in die innere Landschaft

In der Regel sind es Lebenskrisen, die Männer dazu bringen, sich mit ihren tieferen Bedürfnissen und Gefühlen auseinanderzusetzen: Unfälle, Burn-Out, Trennungen, Stellenverlust oder ganz einfach die Sinnfrage. Manche Männer spüren von selbst, dass etwas fehlt, machen sich auf den Weg und suchen bewusst das Weite: Sie nehmen sich ein Timeout, sie reisen, sie pilgern, sie verlieben sich, sie gehen auf Visions-Suche oder suchen eine neue Stelle – und entdecken dabei ihre Innenwelt neu. Doch die Reise ins Landesinnere der Männer- Seele erweist sich oft als viel länger und steiniger als erwartet. Das liegt an der besonderen Topographie dieses wenig bekannten Kontinents.
An den Küsten liegen die Städte der männlichen Stärken, die Strände der Liebe und Lust, die Felder der Männlichkeitsanforderungen, die Ländereien der Vaterlosigkeit und die Landschaften der männlichen Sehnsüchte. Hinter den Küsten jedoch ragt sehr schnell das grosse Gebirge der männlichen Gefühlsabwehr auf, das wie ein riesiger Ring das Land durchzieht. Die ganze Topographie ist geprägt davon. Auf der Innenseite des riesigen Gebirgs-Rings, an den Flanken der Bergzüge befindet sich ein grosser Wald, in dem sich viele Männer schützen und verstecken: Es ist der wilde und in weiten Teilen unberührte Wald der Flucht. Bereits in diesem Wald und jenseits davon beginnt das gefährliche Land der unheimlichen Gefühle. Und dann, in der Mitte des Kontinentes, befindet sich auf einem Hochplateau mit einem wunderbar milden Klima das Land der Lebens-Quellen. Ähnlich wie in Neuseeland gibt es dort zahlreiche Geisiere, warme und kalte, wo das Wasser in Fontänen aus der Erde tritt. Alte und weise Männer, die die Geheimnisse der reifen Männlichkeit hüten, führen dort Lebensschulen. Leider finden immer noch nur wenige Männer dorthin, weil viele Männer im Wald der Flucht vor dem Land der unheimlichen Gefühle stecken bleiben. Erst einmal fühlen sie sich dort in Sicherheit, weil sie das harte Gebirge hinter sich gelassen haben.

Im Gebirge der Seele

Es lohnt sich, einen genaueren Blick auf diese Landschaften zu werfen. Es wird dann viel verständlicher, warum Männer sich so gerne im Wald der Flucht aufhalten. Im Gebirge der Gefühlsabwehr gibt es hohe Berge und attraktive Gipfel zu überwinden. Der Weg ist sehr strapaziös, die Schwierigkeiten sind aber berechenbar. Im Land der unheimlichen Gefühle dagegen lauern unberechenbare Gefahren.
Im Norden – im Königs-Gebirge – gibt es die imposanten Gipfel der Macht und der Kontrolle zu besteigen. Sie erfordern eine sorgfältige Planung, gut organisierte Teams und effektive Systeme. Es dominieren dort herrliche Gesteinswüsten der Einsamkeit.
Im Osten – im Krieger-Gebirge – locken die berüchtigten Sieges- Wände, steile gefährliche Riesenwände, die jeden Bergsteiger dazu zwingen, alle seine Kampf-Geister zu mobilisieren. Dort liegen auch die Gipfel der Leistung und der Konkurrenz mit den glänzenden Gletschern des Erfolges. Aufgrund des aktiven Vulkans der Wut kommt es häufig zu Waldbränden. Ebenso machen unbändige und eisige Wildwasser der Gewalt die östlichen Wälder der Flucht zu einer ungemütlichen Gegend.
Im Süden – im Liebhaber-Gebirge – liegen die freundlichen Berge der Verführung, der Selbstdarstellung und des absoluten Kicks. Der Wald der Flucht löst sich dort fliessend auf in gefährliche Moore der Scham mit ausgedehnten und tückischen Sümpfen der Sucht.
Im Westen schliesslich – im Magier-Gebirge – befinden sich die Gipfel der Rationalisierung und der technischen Wunderwerke. Jenseits des Waldes der Flucht liegen dort die steilen Abgründe der Angst, die schroffen Schluchten der zerstörten Illusionen und die grossen Seen der Trauer.
Den meisten Männern fällt es ziemlich leicht, den Wald der Flucht zu verlassen und den Weg ins gefährliche Land der unheimlichen Gefühle anzutreten, wenn sie erfahren, dass sie danach das wunderbare Land der Lebens-Quellen erwartet. Wichtig zu wissen ist, dass es versierte Reiseführer – Mentoren – und geführte Gruppen gibt. Zusammen geht es leichter und auch schwere Etappen machen dann noch Freude.

Bernhard von Bresinski bietet Intensiv-Seminare für Männer-Initiation an. Er ist Körper-Psychotherapeut, Ethnopsychologe und Paarberater mit Praxis in Zürich. Er hat Philosophie und Sozialwissenschaften in Zürich und Paris studiert. / Kontakt: www.healing-insight.ch

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