Elternzeit und Vaterschaftsurlaub

Die Zukunft der Schweizer Geschlechter- und Familienpolitik.

von Bernhard von Bresinski

Stockholm, 5. Januar 2011. Nine wird geboren – das zweite Kind meines Freundes Jens. Er geniesst die letzten Tage seines Vaterschaftsurlaubs. Um halb zehn Uhr ging die Sonne auf und um halb drei geht sie schon wieder unter. Die Nächte sind lang. Jens meint, dass es immer in dieser dunklen Winterzeit ist, wenn die Schwedinnen und Schweden ihre genialen Pläne aushecken.

Vaterschaftsurlaub und Elternzeit in Schweden

So hat Schweden schon 1974 als erstes Land Europas die Elternzeit eingeführt. Unglaublich. Jens hat jetzt seine 10 Tage Vaterschaftsurlaub gehabt und wenn seine Christine in 14 Wochen ihren Mutterschaftsurlaub beendet, kann sie noch 6 Monate Elternzeit anhängen. Und ihre Stelle ist garantiert. Jens kann bis dann Teilzeit arbeiten, sich danach während drei Monaten seiner Tochter widmen. Eine schwedische Firma sieht darin in der Regel kein Problem. Während der Elternzeit erhalten beide einen Ersatzlohn von 80 %. Acht von zehn Männern in Schweden nehmen heute drei Monate Auszeit. Einer von zehn Männern bezieht mehr als 40 % der gemeinsamen 13 Monate Elternzeit. Das ist der Hammer – das reinste Eltern- und Vaterschaftsparadies!

Zwangs-Ernährerrolle in der Schweiz

Wie konnte ich nur meine Kinder in der Schweiz aufziehen – mit einem mickrigen Tag Vaterschaftsurlaub und keiner Elternzeit weit und breit? Das erste Jahr nach der Geburt war für mich und meine damalige Frau knallhart. Unsere erste Tochter war ein Schreibaby und wir hatten neun Monate lang beide nur wenig geschlafen. Die Nerven lagen blank. Da hätte ich Elternzeit gut gebrauchen können. Aber weil es eine neue Stelle war, musste ich 100 % arbeiten. Der Arbeitgeber – eine soziale Institution – liess nicht mit sich verhandeln. Wie gerne hätte ich im ersten Jahr länger bei meiner Tochter bleiben und die Mutter unterstützen wollen! Hab mir gewünscht, mal ein paar Monate lang Vollzeitpapa zu sein. Pech gehabt. Meine damalige Frau war eine französische Akademikerin und hatte es total schwer, eine Stelle zu kriegen, jahrelang. Da musste ich voll ran. Mein Traum vom Teilzeitpapa war ausgeträumt. Sieben Jahre später stand die Trennung vor der Tür. In Schweden wäre mein Leben anders verlaufen.

Elternzeit für Väter: ein Gewinn für alle

Seit der Einführung der Elternzeit für Väter 1995 ist die Scheidungsrate in Schweden stark gesunken. Währenddessen ist sie in vielen anderen Ländern gestiegen. Die Frauen machen fast die Hälfte der Berufstätigen aus. Der Anteil erwerbstätiger Frauen ist in Schweden höher als in den meisten anderen Ländern Europas. Das war gewollt. In den boomenden 60er Jahren machte Schweden einen strategischen Entscheid: Anstatt mehr Ausländer ins Land zu holen, wollte man mehr Frauen auf den Arbeitsmarkt bringen. Die Elternzeit hat die Situation grundlegend verändert: mehr Gleichstellung, mehr Kinderbetreuungsangebote, mehr berufstätige Frauen, höhere Löhne für Frauen, bessere Männer-Gesundheit, deutlich weniger Scheidungen und eine höhere Geburtenrate.

Elternzeit steigert die Lebenserwartung

Das schwedische Karolinska-Institut hat eine Studie veröffentlicht, wonach Väter, die nach der Geburt eines Kindes Auszeit nehmen, länger leben als Väter, die durchgehend arbeiten. Die Forscher fragten 72569 Männer nach der Länge ihres Vaterschaftsurlaubes. Diese Daten verglichen sie mit der Sterblichkeitsrate. Das Resultat ist: Bei Vätern, die eine mehrmonatige Auszeit genommen haben, war das Sterberisiko 25 % geringer als beim Rest. Für mich ist das nachvollziehbar: Als die zweite Tochter auf die Welt kam, nahm ich mir ein paar Tage frei, aber dann hatte ich im Job viel Stress und ich erlitt einen Unfall. Die Forscher gehen davon aus, dass Männer mit einer engen Beziehung zur eigenen Familie mehr auf ihre eigene Gesundheit achten und weniger Risiken eingehen. Sie ernähren sich besser, trinken weniger Alkohol, schlafen mehr oder gehen öfters zum Arzt. Bei mir war es so: Nach dem Unfall war ich mehr zu Hause und öfters beim Arzt.

Eine neue Form des Partnerschaftsgefühls

2007 wurde auch in Deutschland die Elternzeit eingeführt. Der Grossteil der Väter nimmt die Elternzeit gleich zu Beginn, um die Frau während der ersten Zeit mit dem Kind zu unterstützen. Die zweitbeliebteste Variante ist, dass Väter ihre Auszeit an die Elternzeit der Mutter anhängen, um ihr so den Wiedereinstieg in den Job zu erleichtern. Solche Erfahrungen definieren die Partnerschaft neu. Männer muttern und haushalten, die Mütter fühlen sich entlastet. Für viele Väter ist diese Zeit so prägend, dass sie ihre Frau nach der Elternzeit nach Kräften unterstützen und deutlich mehr Aufgaben im häuslichen Bereich übernehmen als vorher. Durch diese neue Verteilung der Aufgaben innerhalb der Familie entsteht eine neues Partnerschaftsgefühl. Ein grosser Teil des familiären Beziehungsaufbaus – «bonding» genannt – geschieht nach der Geburt. Die ersten sechs Wochen sind für Eltern und Geschwister ein Ausnahmezustand, in dem die Rollen neu definiert werden.

Ein Schweizer Modell für Elternzeit

Die Männer- und Vätergruppe, die ich in Zürich leite, war vom schwedischen Modell für Elternzeit und Vaterschaftsurlaub begeistert. Für alle Männer waren drei Dinge klar. Erstens würden sie ohne Zögern die Elternzeit beziehen. Zweitens würden sie einen Wechsel der Arbeitsstelle ins Auge fassen, wenn der Arbeitgeber nicht mitmachte. Drittens war für alle unvorstellbar, dass die Schweiz in absehbarer Zeit ein vergleichbares Modell einführen wird. Doch die Eidgenössische Kommission für Familienfragen (EFKK) hat im Oktober 2010 ein detailliertes Modell für Elternzeit in der Schweiz vorgelegt (vgl. Kasten). Dort wird deutlich, dass der Bundesrat und das Parlament zwar bisher alle Vorstösse dazu zurückgewiesen haben, dass aber eine klare Mehrheit der Parteien für eine Einführung des Elternzeitmodells wäre.

Der politische Durchbruch für das schwedische Modell

Wie war es möglich, dass sich die Elternzeit in Schweden durchsetzen konnte? Schweden hatte nämlich lange Zeit Schwierigkeiten mit der Umsetzung der Elternzeit. Bis 1991 gab es keine reservierte Elternzeit für Väter. Nur 6 % der Väter nahmen ihre Elternzeit. Die Unternehmen gaben den Männern zu verstehen, dass ein Elternurlaub nicht willkommen sei. Aufgrund der niedrigen Frauen-Löhne blieben die Männer mit den höheren Löhnen an der Arbeit. Sie überliessen die Elternzeit den Frauen. Lange meinte die Politik, dass es genüge, Frauenpolitik zu machen und für Frauen den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern. Jedoch erst als die Politik die Männer ins Zentrum der Gleichstellungspolitik stellte, erfolgte der politische Durchbruch.

Gleichstellung als Aufgabe der Gesamtpolitik

Walter Hollstein, der bekannte Schweizer Geschlechter- und Männersoziologe, hat 2008 aufgezeigt, dass das Hauptproblem der deutschsprachigen Geschlechterpolitik ist, dass sie auf Frauenpolitik beschränkt bleibt. Schweden hat vorgemacht, dass Gleichstellungspolitik nur dann erfolgreich sein kann, wenn Frauenpolitik konsequent von einer geschlechterspezifischen Männerpolitik begleitet wird. Das schwedische Gleichstellungsministerium hat bereits 1983 eine eigene Regierungsabteilung eingerichtet, die sich der Männerfrage widmet. Der Anteil männlicher Erziehungs- und Lehrkräfte in Kindergärten, Horten und Schulen wurde erhöht, «Väterkurse» wurden eingeführt, um die Männer auf die Elternzeit vorzubereiten. Im Gegensatz zu den deutschsprachigen Ländern fördert ein fortschrittliches Steuersystem die Gleichstellung. 1994 betonte der damalige schwedische Ministerpräsident Carlsson, dass Gleichstellung nicht die Aufgabe eines einzelnen speziellen Ministeriums sein könne, sondern Aufgabe der Gesamtpolitik Schwedens sein müsse. Dabei hatte die Abteilung für Gleichstellung eine entscheidende Prüfungs- und Kontrollfunktion. Entsprechend war diese Abteilung nicht im Frauen- oder Familienministerium, sondern im zentralen Wirtschafts-Ministerium angesiedelt.

Familienfreundlichkeit als Standortfaktor

Die Einführung der Elternzeit für Väter wurde in Schweden begleitet durch eine Sensibilisierungs-Kampagne in der Wirtschaft – mit einer männergerechten Sprache. Die Firmen haben sich darauf eingestellt, dass ihre Angestellten – ob Frau oder Mann – in die Elternzeit gehen. Seit 2006 ermutigen mehr als 40 % der Firmen Väter zur Elternzeit – 1993 waren es nur 2 %. Für viele Firmen ist Familienfreundlichkeit ein zentraler Unternehmenswert geworden – zum Beispiel für die Handy-Firma Ericsson. 2009 haben 28 % der angestellten Frauen und 24 % der angestellten Männer Elternzeit beansprucht. Auch das Kader. Der Chef der Human Ressources von Ericsson stellt fest: Früher wollten die Aufsteiger fette Lohnerhöhungen, heute wollen sie mehr Work-Life-Balance. Eine wachsende Anzahl von Unternehmen zahlt heute den Vätern 90 % des Lohnes während dem Urlaub – 10 % auf eigene Kosten. Und die Frauenlöhne steigen. Eine Untersuchung zeigt, dass mit jedem Monat Auszeit, die ein Vater bezieht, das Gehalt der Frau um 7 % ansteigt! Die Lohnunterschiede sinken.

Elternzeit transformiert sogar nordische Jäger

Die Elternzeit hat Schweden nachhaltig verändert. Viele Männer wollen nicht mehr nur über ihre Arbeit definiert werden. Die Familien erwarten von ihren Männern, dass sie eine Auszeit nehmen. Die Männer haben oft zuerst Angst davor: Babypflege, Kochen und Putzen, schlaflose Nächte – aber nach ein paar Monaten haben es auch die Hartgesottenen gelernt – sogar Mike Karlsson, Besitzer eines Schneetöffs, zweier Jagdhunde und von fünf Gewehren. Für ihn ist nicht vorstellbar, seine Auszeit für seinen Sohn Siri nicht zu nehmen: «Alle tun es». Und wenn er es nicht macht, stellen Familie und Freunde komische Fragen. Seine Frau, die Polizistin Sofia, findet ihren Mann am attraktivsten, wenn er im Wald unterwegs ist – mit dem Baby auf dem Rücken und den Hunden an der Seite. Jens, meinen Freund in Stockholm, wird man jetzt öfter mit seiner Nine vor dem Bauch durch die Stadt ziehen sehen. Er kann seine Vaterschaft geniessen und doch Karriere machen. Meine Töchter sind inzwischen 12- und 15-jährig. Bereits in etwa zehn bis fünfzehn Jahren sind sie vielleicht Mütter. Für mich ist klar: Meine möglichen Schwiegersöhne, die Väter von meinen Enkeln, sollen auch Vaterschaftsurlaub und Elternzeit kriegen – hier in der Schweiz. Ganz nach dem Motto des schwedischen Ministers Westerberg, der für die Einführung der reservierten Elternzeit für Väter verantwortlich war: "«"Gleichstellung in der Gesellschaft kann nur erreicht werden, wenn die Gleichstellung in den Familien gelingt."

Elternzeit (EZ) Island Schweden Deutschland CH-Modell
Einführung EZ 2000 1974 / 1994 2007 ??
Elterngeld-Monate 9 Monate 16 Monate 12 Monate 6 Monate
Partnermonate 3 Monate 2 Monate 2 Monate 1 Monat
Max. Bezugsdauer 9 Monate 24 Monate 24 Monate 6 Monate
Bezugsperiode Geburt bis 18 Monate Geburt bis 8. Lebensjahr Geburt bis Ende 3. Lebensjahr Geburt bis Einschulung
Mutterschaftsurlaub 14 Wochen 14 Wochen 14 Wochen 14 Wochen
Vaterschaftsurlaub 14 Tage 10 Tage
Ersatzeinkommen 80 % 80 % 67 % 80 %
EZ nutzende Väter 90 % 67 % 21 %

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