Männerzeitung #48 vom 01.12.2012

Teile Zeit, mal vier!

Will ein Mann Teilzeit arbeiten, muss er gegen Rollenbilder und Existenzängste ankämpfen. Dass sich dieser Kampf lohnen kann, zeigen die Geschichten von Curdin, Kevin, Simon und Fausto. Die vier Männer teilen ihre Lebenszeit, um sie zu multiplizieren.

Curdin und der Kindertag

Die Kinder sind soeben zur Schule losmarschiert. Curdin, der ihnen das Frühstück gemacht hatte, sitzt am Esstisch und schlürft Kaffee. Es ist kurz nach neun. Die Wanduhr tickt.

Auf dem Küchentisch liegen der Tages-Anzeiger und die NZZ. Der DRS-Korrespondent Curdin Vincenz macht Pause. Nicht allzu lange allerdings, in der Küche wartet schon der Abwasch. Auch für den Einkauf und das Kochen ist Curdin heute verantwortlich. Denn heute ist Mittwoch, Curdins Familientag.

Heute bleibt der Journalist zu Hause, kümmert sich um Haushalt und Kinder. Eine Tochter, Julia, acht Jahre, und einen Sohn, Florian, sechs Jahre, hat Curdin. Um die Kinderbetreuung nicht alleine seiner Frau Martina aufzubürden, arbeitet Curdin Teilzeit. Achtzig Stellenprozent sind es heute, sechzig waren es, als Julia und Florian noch nicht zur Schule gingen. «Ich will nicht», sagt Curdin, «dass die Kinder nur ein Projekt meiner Frau sind.»

Curdin weiss, was seine Kinder im Fernsehen und am Computer schauen; was für Zahnpasta sie benutzen und wo ihre Socken sind. «Würde ich Vollzeit arbeiten, hätte ich wahrscheinlich eine andere Beziehung zu meinen Kindern», sagt Curdin, während ihm Kater Pipo um die Beine streicht. Es war an einem seiner Familientage, erinnert sich Curdin, als Julia ihren ersten Milchzahn verloren hatte und sich Florian getraute, ohne Flügeli zu schwimmen.

«Braucht das Kind nicht einen Pullover?», fragen ältere Damen Curdin oft, wenn er mit Julia oder Florian spazieren geht. Er habe sich daran gewöhnt, dass Fremde ihn etwas genauer beäugen, sagt der Vater. «In Sachen Kindererziehung kann ich aber mit meiner Frau auf Augenhöhe sprechen!»

Curdins Frau ist Journalistin. Curdin ist Journalist. Über Journalismus sprechen die beiden miteinander trotzdem fast nie. Oft reden sie über ihre Kinder. «Das hat unsere Beziehung wohl positiv beeinflusst», sagt Curdin.

Curdin ist durch die Teilzeitarbeit ein kompletterer Mensch geworden. Kochen hat er gelernt, er weiss, wann Markt ist, und kennt sich aus in Sachen Kindererziehung. «Ich bewege mich nicht ausschliesslich in der Welt des Journalismus», sagt er. Die handfesten Arbeiten im Haushalt tun ihm gut, sagt er, trinkt seinen Kaffee aus und geht an den Wochenmarkt.

Simon und die geschenkte Zeit

An einem Montagmorgen vor zwei Jahren ging Simon los und kaufte sich Wochenenden. 47 zum Preis von rund 9000 Franken. Den genauen Betrag hat Simon vergessen. «Ein Schnäppchen», sagt er, «war es auf jeden Fall.»

Simon Wichtermann ist 34, Softwareentwickler und arbeitet seit acht Jahren bei der Finnova AG in Lenzburg, einem führenden Schweizer Anbieter für Bankensoftware. Sechs Jahre tat der diplomierte Informatik-Ingenieur dies vierzig Stunden die Woche, mindestens. Und dann kam jener Montagmorgen.

Simon ging zum Pult seines Chefs, fragte ihn, ob er auf achtzig Stellenprozent reduzieren könne. Simon konnte, bekam den Mittwoch jeweils frei. Auf rund 9000 Franken Lohn im Jahr musste er dafür verzichten. Doch von da an konnte Simon mittwochs aufstehen, wann er wollte – und nicht wann es sein Wecker von ihm verlangte.

Meistens steht Simon an seinen freien Tagen nach neun Uhr auf. Auszuschlafen tue ihm gut. So könne er sich erholen von der Arbeit, vom Stress, von der Türe neben seinem Pult. Die Türe, die alle fünf Minuten auf- und zugeht.

Früher war Simon oft krank. Heute fehlt er nie in der Arbeit. «Teilzeitarbeit ist gesund», sagt er und lacht. Für ihn sei es wichtig Zeit zu haben, für seine Freundin oder für «sein Zeugs». In seiner Freizeit entwickelt Simon gerne eigene kleine Informatik-Programme. Ohne Vorgaben zu programmieren sei entspannend für ihn. Auch Sport mache er gerne, Squash oder Tischtennis vor allem.

Dass Simon nicht mehr jeden Tag arbeiten wollte, verstanden nicht alle. Sein Vater, der sein Leben lang Vollzeit arbeitete, zeigte sich erst erstaunt. Simon aber, der von sich sagt, nicht Materialist zu sein, möchte seine Freiheit nie wieder hergeben. «Seit ich Teilzeit arbeite, bin ich ein zufriedenerer Mensch.»

An die Sprüche seiner Freunde, seiner Arbeitskollegen und Chefs hat er sich gewöhnt. Er konterte sie mit eigenen Sprüchen. Und so vergeht kaum ein Dienstagabend, an dem er seinen Arbeitsplatz nicht räumt mit «schönes Wochenende allerseits».

Noch ist Simon der einzige in seinem Team, der Teilzeit arbeitet. Doch Interesse, sagt er, haben nun auch andere angemeldet. Auch andere wollen jenes Mittwochnachmittag-Gefühl zurück, das sie aus ihrer Primarschulzeit kennen. Jenes Gefühl der Freiheit, das Simon nun schon Dienstagabend überkommt.

Kevin und die vielen Ufer der Zeit

Ruft man bei Kevin Rechsteiner an, ruft er zurück. Kevin ist vielbeschäftigt, denn Kevin ist – na, was eigentlich? Webdesigner ist er, aber auch Kinobetreiber, Schüler, Lehrer, Orchideenzüchter, Radiomoderator, Barista, Fotograf und Paarberater. Kevin ist vor allem aber Kevin. Ein harmonischer Gegensatz.

Arbeitet Kevin, erholt er sich. Ist es Kevin ernst, nimmt er es gelassen. Lässt sich Kevin treiben, gibt er sich eine Richtung. Schiebt Kevin Überstunden, tut er dies Teilzeit.

Zehn, vielleicht fünfzehn Stunden arbeitet Kevin wöchentlich für ein kleines Kino in Freienstein. Fünf Stunden ungefähr unterrichtet Kevin an einer Berufsschule. Doch mit dem Verb «arbeiten» ist das so eine Sache bei Kevin. Geht er über Mittag schnell ins Kino einen Film einlesen oder gibt er am Abend noch einen EDV-Kurs, dann ist es für ihn nicht Arbeitszeit, nicht nur. Es ist Lebenszeit. Kevin unterscheidet nicht zwischen Arbeitszeit und Freizeit. «Ich versuche», sagt er, «einfach ständig das zu machen, was mir gefällt.»

Will man bei Kevin die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit anhand seiner Einkünfte ziehen, ist das auch nicht ganz einfach. Manchmal bekommt Kevin Foto-Aufträge, manchmal fotografiert er nur so. «Wegen des Geldes alleine mache ich gar nichts», sagt er.

Am meisten verdiene er mit seiner eigenen IT-Firma. Zusammen mit seinen zwei Geschäftspartnern und fünf Angestellten arbeitet Kevin dort rund 35 – 40 Stunden wöchentlich. «Mein eigener Chef zu sein, gibt mir Freiheit», sagt er.

Diese Freiheit nutzt er, um sich vom Leben treiben zu lassen, ein Stück weit wenigstens. Treibt eine Chance auf ihn zu, schwimmt er ihr im Fluss der Möglichkeiten entgegen. Als man ihm zum ersten Mal einen Auftrag als Fotograf anbot, nahm er an.

«Ich bin offen für Neues», sagt er. Weil die Schiedsrichter an der letzten EM gut gepfiffen haben, entschloss sich Kevin zu einer Schiedsrichterausbildung. Als sich ein befreundetes Paar nach zehn Jahren Ehe trennte, begann er eine Ausbildung als Paartherapeut. «Es gibt noch tausend Dinge, die ich mal ausprobieren möchte.»

Obwohl Kevin enorm viele Tätigkeiten in eine Stunde presst, hat er nie zu wenig Zeit. Dank seinen flexiblen Arbeitszeiten kann er seine Zeit effizienter nutzen als andere. Auch hat Kevin weder Game-Apps, noch einen Fernseher. Zeitfresser seien das.

Kevin nutzt seine Zeit bewusst. Er versucht alles immer so lange zu machen, wie er will. Kommt er beim Programmieren nicht weiter, geht er ins Kino einen Film auswählen. Schon als Kind konnte Kevin nie lange mit ein und demselben Playmobile spielen. Wechselhaft und sprunghaft sei er halt, sagt der Dreissigjährige, der schon seit elf Jahren mit der gleichen Frau zusammen ist.

Fausto und der verblüffend einfache Sieg

Fausto Guidetti ist ein gewissenhafter Mann, der weiss, was er will. «Ich will, dass meine Tochter einen Vater hat und keinen Wochenend-Papi», sagt er. Er selbst habe einen abwesenden Vater gehabt und der wiederum gar keinen, weil Guidettis Grossvater früh gestorben ist. «Diese Kette wollte ich durchbrechen.»

Im Jahr 2009, als seine Frau schwanger wurde, beschloss Guidetti, sein Arbeitspensum von hundert auf achtzig Prozent zu reduzieren. Der Chemielaborant ist beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz angestellt und arbeitet im Labor Spiez. «Ich wusste nicht, wie mein Chef reagieren würde», sagt er.

Gewissenhaft, wie er ist, begann sich Guidetti vorzubereiten. Er durchforstete die Website des Bundes und sammelte alles, was irgendwie darauf hindeutete, dass sich der Bund als fortschrittlicher, familienfreundlicher Arbeitgeber sieht. Ein zweiseitiges Dokument kam damit zusammen. Zusätzlich notierte er sich alle Argumente, welche aus Sicht seines Arbeitgebers dafür sprachen, ihn sein Pensum reduzieren zu lassen. Zum Beispiel: Ich bin motivierter, wenn ich mehr Zeit mit meiner Familie verbringen kann. Oder: Wenn der Arbeitgeber mir entgegenkommt, bin ich ihm etwas schuldig.

«Ich war zuversichtlich», sagt Guidetti. «Aber ich war nicht sicher, dass es klappt.» Weil nur er und auf keinen Fall sein Chef über sein Familienglück entscheiden sollte, sah sein Schlachtplan so einfach wie konsequent aus: Sagt sein Chef nein, geht er zum Chef des Chefs. Sagt auch dieser nein, kündigt er.

Als Guidetti seinem Chef sein Anliegen vorbrachte, sagte dieser: «In Ordnung.» Zusammen gingen sie zum Chef des Chefs. Dieser sagte: «In Ordnung.» Die Schlacht war gewonnen, der Sieg war dank guter Vorbereitung ein leichter, sogar ein verblüffend leichter.

Seit Anfang 2010 arbeitet Guidetti nur noch achtzig Prozent. Jeden Montag verbringt er mit seiner Tochter. Er sagt: «Auch wenn dann auf der Arbeit irgend etwas Dringendes ist – ich habe keine Zeit.»

Im Labor Spiez arbeiten rund 100 Leute, darunter 70 Männer. Vor einem Jahr hat noch ein weiterer sein Pensum auf 80 Prozent reduziert – das war’s aber auch schon. Immerhin haben sich die anderen unterdessen daran gewöhnt. «Anfangs gab es schon Gifteleien», sagt Guidetti. Wer nicht hundert Prozent arbeite, arbeite nicht richtig, habe einer gesagt. «Die Reaktionen lagen irgendwo zwischen Bewunderung und Neid», sagt er. «Es gibt noch andere, die gerne weniger arbeiten würden, aber sie trauen sich nicht.» Bevor er es selber versucht habe, sei er unsicher gewesen, aber jetzt wisse er: «Die Voraussetzungen stimmen – das Problem liegt in den Köpfen.»

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